Wie funktioniert die Quarantäne im Haushalt von Ebola betroffenen?

Durch den Blog und das planen der Artikel sowie dem Besprechen von Inhalten habe ich im Moment viele Fragen an Julia. Deswegen haben wir uns auf das Interview Format geeinigt. Wenn ihr auch Fragen an Julia habt schreibt einen Kommentar oder stellt sie als email an team@ebola-in-sierra-leone.de. Wir versuchen über alles was von Interesse ist zu berichten.

Rene Pickhardt: In einem Haus erkrankt jemand an Ebola. Jetzt wird das Haus unter Quarantäne gestellt. Wie muss ich mir das vorstellen?

Julia Broska: Erstaunlicherweise passiert in den meisten Fällen dann erst mal gar nichts. Theoretisch sollten Wachen aufgestellt werden, am besten in Uniform, damit sie auch ernst genommen werden. Die Nachbarschaft sollte informiert und involviert werden, damit der Quarantänehaushalt mit z.B. Wasser für den Haushaltsgebrauch zum Waschen und Putzen über Nachbarschaftshilfe beziehen kann. Außerdem sollten das World Food Programme und die Welthungerhilfe täglich die Liste neuer Quarantänehaushalte bekommen, damit wir innerhalb von 24h die ersten Nahrungsmittel liefern können. Leider passiert oft nichts davon.

Rene Pickhardt: Wie viele Menschen wohnen in so einem Haus? Eine Familie? Mehrere Familien? Wie groß sind die Familien?

Julia Broska:Das ist sehr unterschiedlich. Oft sind mehrere Familien betroffen, wenn sie zum Beispiel die selben Toiletteneinrichtungen nutzen. Oder mehrere Nachbarn haben beim Waschen eines Verstorbenen geholfen. Es ist Aufgabe des surveilliance teams der Regierung, festzustellen, welche Haushalte in einer Nachbarschaft in Quarantäne müssen, weil sie als „Kontakt-Haushalte“ eingestuft werden. Die Anzahl der Personen pro Familie schwankt starkt und kann bis zu 15 Personen sein, denn oft leben mehrere Generationen unter einem Dach.

Rene Pickhardt: Muss es nicht schrecklich sein, 21 Tage warten zu müssen, ob man sich auch infiziert hat? Kannst du in etwa die Emotionen beschreiben, denen du begegnest wenn du mit Leuten, die unter Quarantäne stehen in kontakt kommst?

Julia Broska:Mein Eindruck ist, dass viele Menschen zunächst mit Negation reagieren. Das reale Riskio wird verdrängt, nach dem Motto „Ebola? ICH doch nicht!“. Aber spätestens wenn es während der Quarantäne zu einem weiteren Fall kommt, wird es zur traumatischen Erfahrung. Das ist zumindest mein Eindruck von außen.

Rene Pickhardt: Versuchen Leute zu fliehen, wenn Häuser unter Quarantäne gestellt werden?

Julia Broska: Ja, das kommt tatsächlich sehr häufig vor und ist ein großes Problem. Diese Tatsache hat unter anderem dazu geführt, dass sich Ebola geografisch immer weiter ausbreiten konnte. Noch erstaunlicher ist aber, dass es auch zum Gegenteil kommt: Sobald von einem Quarantänehaushalt in der Nachbarschaft bekannt wird, dass er Essenspakete erhalten hat, kommen Menschen hinzu und wollen auch in Quarantäne, um etwas zu essen zu haben. Das zeigt, dass die Kernbotschaft einfach immer noch nicht durch gedrungen ist.

Rene Pickhardt: Wer kontrolliert das? Wer passt auf, dass sich jeder dran hält? Die Dorfgemeinschaft müsste doch eigentlich ein Interesse daran haben, dass alles gut geht.

Julia Broska: In Western Area Rural setzt die Welthungerhilfe ein Projekt um, in dem es genau darum geht: Die Dorfgemeinschaft einbinden, um den Einhalt der Quarantäne sicher zu stellen und den Menschen begreiflich zu machen, dass dies ihrer eigenen Sicherheit dient. Trotzdem müssen wir die Menschen mit Geld dazu bringen. Von alleine macht das keiner. Offiziell schickt auch die Regierung Polizisten, wie oben erwähnt. Aber faktisch fehlen sie meistens.

Rene Pickhardt: Was passiert mit den von der Welt Hungerhilfe gelieferten Nahrungsmitteln? Kommen die wirklich in den Quarantäne Haushalten an? Oder werden die Lebensmittelpakete zum Teil geklaut?

Julia Broska: Da haben wir über unsere durchführenden Partner-NGOs und der mehrfachen Kontrolle durch verschiedene Stellen im Verteilungs-Prozess zum Glück große Sicherheit. Die Welthungerhilfe verteilt Nahrung immer nur für 1 Woche, wir kommen also mind. 3x zum selben Haushalt während einer Quarantäne. Damit wollen wir verhindern, dass zu viele Lebensmittel Freunde und Verwandte – und ja, auch Diebe – anlocken.

Rene Pickhardt: Angenommen es gibt einen 2. Verdachtsfall in einem Quarantäne Haus. Wie wird damit umgegangen? Wird die Person in ein Krankenhaus gebracht? Es besteht nun ja ein sehr hohes Risiko für die Mitbewohner sich anzustecken.

Julia Broska: Es muss wieder die 117, der kostenlose Ebola-Notruf, gewählt werden. Die Person sollte dann eigentlich schnellstmöglich abgeholt werden. Aber leider kommt es immer wieder vor, dass Personen noch 2-3 Tage in ihren Familien verbleiben, weil einfach nicht genügend Kapazitäten vorhanden sind. Und hinzu kommt noch, dass manche Haushalte Kranke zu verstecken versuchen, um die Quarantäne nicht verlängern zu müssen.Vor allem wenn Kinder krank werden ist es offensichtlich, dass die restlichen Familienmitglieder in großer Gefahr schweben. Denn wer kann ein krankes Kind abweisen, wenn es nach Aufmerksamkeit und Pflege verlangt?!

Rene Pickhardt: Wie funktioniert die Resozialisierung nach der Quarantäne? Wird den Menschen mit Angst begegnet oder werden sie wieder vollstaendig in die Dorfgemeinschaft integriert?

Julia Broska: Das ist eine enorm wichtige Frage. Das Bild ist hier sehr unterschiedlich. Ein Haushalt hat mir berichtet, dass sie sofort wieder vollständig integriert wurden. Von einer anderen Frau weiß ich aber, dass sie praktisch als Ausgestoßene gilt. Sie war schon vor der Quarantäne sehr arm und hat den Lebensunterhalt für ihre Familie mit derm Verkauf von Steinen bestritten. Jetzt möchte aber niemand mehr ihre Steine kaufen, weil die Menschen glauben, sie seien infiziert. Auf dem Markt kann sie auch nichts mehr kaufen, denn niemand nimmt Geld von ihr an. Es besteht einfach immer noch ein riesiges Problem was Aufklärung angeht.

Rene Pickhardt: Kann man davon ausgehen, dass die Leute die mit Ebola Patienten in Kontakt waren und überlebt haben immun sind? Falls ja, können diese Menschen zum Beispiel beim Betruen von anderen Quarantäne Haushalten helfen?

Julia Broska: Ich weiß die Antwort im Moment nicht, habe ich mich aber schon die ganze Zeit gefragt. ich glaube, sie sind immun. Das finde ich aber bis zum nächsten Mal heraus.

Rene Pickhardt: Gibt es noch etws, was die Leser wissen sollten?

Julia Broska: Die Menschen in Sierra Leone sind jetzt mehr denn je auf ausländische Hilfe angewiesen. Ich finde es bedauerlich, wenn die Motivation, Geld zu spenden, nur darauf beruht, dass man verhindern möchte, dass die Epidemie auf Europa übergreift. Das Leben jedes Menschen, egal wo er wohnt, hat denselben Wert. Wenn also über Ebola gesprochen wird, bitte denkt zuerst an die Menschen, die davon aktuell betroffen sind.

Rene

Rene ist PhD Student und blogger. Er setzt sich fuer freies Wissen und freie Bildung ein. Dadurch ist er auf wikiversity, wikimedia commons und gelegentlich auf der Wikipedia aktiv. Er unterstuetzt Julia ihre Erfahrungen aus Sierra Leone zu verbreiten.

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