Schlagwort-Archiv: überlebende

Ebola in Sierra Leone – nach einem Jahr noch nicht besiegt

Am 25.05.2015 war es soweit: Der erste bestätigte Ebola-Fall in Sierra Leone lag genau 1 Jahr zurück. Ein Jahr, in dem das Land in einem Wahnsinn gefangen ist, der zu geschlossenen Schulen, unbestellten Feldern und zerstörter Wirtschaft geführt hat. Ein Jahr, in dem ein einziger Virus mehr als 3.500 Menschen das Leben gekostet hat. In dem hunderte Kinder zu Waisen wurden. Und der Kampf ist noch nicht gewonnen.

11329837_989956607703040_967547803513050205_n

Die Menschen in Sierra Leone sind es leid, mit zahlreichen Einschränkungen leben zu müssen. Sie sind auch die Angst leid, sie selbst oder ein Angehöriger könnte sich mit Ebola infizieren. Es herrschen Ungeduld und Missmut. Hier ein Auszug aus der WhatsApp Gruppe „WHH Ebola Response“:

„So wie ich es verstanden habe, können wir erst damit beginnen, 42 Ebola freie Tage zu zählen, wenn der letzte Patient entweder als geheilt entlassen wurde oder gestorben ist. Gibt es irgendeine Information wie viele Patienten wir zurzeit haben? Sorry, das klingt vielleicht verängstigt und frustriert, aber ich will unbedingt, dass unser Land endlich Ebola-frei wird. Ein Jahr mit dem Virus ist einfach zu lang!“

Screenshot_2015-05-28-11-39-54

Präsident Ernest Bai Koroma hat anlässlich des Jahrestages Ebola-Überlebende eingeladen und die Bevölkerung dazu aufgerufen, von Stigmatisierung Abstand zu nehmen. Er hat sein Versprechen erneuert, dass alle Ebola-Überlebenden, die ein Entlassungs-Zertifikat eines Ebola-Behandlungszentrums vorweisen können, kostenlos in staatlichen Krankenhäusern behandelt werden, sollten sie in Zukunft irgendwelche Beschwerden feststellen. Bis zum Jahrestag waren 4.013 Ebola-Überlebende offiziell erfasst.

http://reliefweb.int/report/sierra-leone/ebola-clocks-1-year-president-pledges-support-survivors

Auch die Welthungerhilfe wird sich in den kommenden Monaten vermehrt darauf konzentrieren, Ebola-Überlebende zu unterstützen. Dabei geht es vor allem um wirtschaftliche Unterstützung: Nahrungsmittel, finanzielle Hilfe und auch Beratung und Gesundheitsvorsorge. So hoffen wir, dass die Überlebenden nach ihrer schweren Krankheit zumindest Hoffnung schöpfen können, in Zukunft ein gesichertes Auskommen zu haben. Ich hoffe inständig, dass Sierra Leone nur noch wenige Wochen davon trennen, Ebola-frei zu werden. Auch wir wollen zurück zur Normalität, zu unseren landwirtschaftlichen Projekten und langfristigen Perspektiven, den wir den Menschen bieten möchten.

 

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Gefängnis für Sex? – Kriminalisierung von Ebola-Überlebenden

Ebola-Überlebende haben ein Problem: Noch mindestens drei Monate, nachdem sie als geheilt entlassen wurden, können in Spermien oder Vaginalflüssigkeiten Ebola-Viren enthalten sein. Damit werden sie zur Gefahr für den Erfolg im Kampf gegen Ebola und können jederzeit ein Wiederaufflackern der Epidemie verursachen, obwohl man das Virus schon für besiegt hielt. Es war in der Diskussion, ob der einzelne Fall, der in Liberia nach 28 Tagen ohne Fälle aufgetreten ist, durch Sex mit einem Überlebenden verursacht worden war. Es scheint aber, dass dies nun ausgeschlossen wurde. Wie dem auch immer sei, Überlebende stellen sozusagen eine reale Gefahr da.

Trotzdem ist aus meiner Sicht die Haltung der Regierung zu diesem Thema verfehlt. Auf der Titelseite der Tageszeitung Awareness Times war vergangene Woche zu lesen, dass „Überlebende gewarnt werden, auf Sex zu verzichten.“ Diese Botschaft kam vom Präsidenten höchst persönlich. Im Text hieß es dann, dass hart durchgegriffen werden, sollte bekannt werden, dass ein Überlebender einen neuen Ebola-Fall verursacht hat. Und soweit ich weiß wurde mind. 1 Person bereits zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, da sie eine Sex-Arbeiterin infiziert hatte.

Ernest Bai Koroma warnt Überlebende vor frühzeitigem Sex.
Ernest Bai Koroma warnt Überlebende vor frühzeitigem Sex.

Aus meiner persönlichen Sicht ist das der falsche Ansatz. Zum einen halte ich es für unrealistisch, dass Überlebende drei Monate auf Sex verzichten. Mein Eindruck ist, dass mindestens zwei Dinge dem entgegenstehen: 1. Der Hang dazu, Gefahren zu verleugnen oder zu ignorieren. So wurde ja lange Ebola für ein Gerücht gehalten und was ich von meinen nationalen Kollegen so gehört habe, hält man auch HIV gerne für ganz weit weg vom eigenen Leben. 2. Sex wird hier, so mein Eindruck, als essentielles „Recht“ wahrgenommen. Ist ja in Deutschland nicht anders. Das ist eine gefährliche Kombination in Zeiten von Ebola.

Hinzu kommt, dass sicherlich keine Ehefrau ihren Mann „verpetzen“ wird, wenn er dafür 1 Jahr in den Knast wandern muss! Falls die Betroffene eine Sex-Arbeiterin ist, gut, dann kann ich mir das noch vorstellen. Aber die eigene Ehefrau hat sicherlich kein Interesse daran, ihren Mann, der gerade eine schwere Krankheit überlebt hat und potentiell wesentlich zum Einkommen der Familie beiträgt, ans Gefängnis zu verlieren oder z.B. auch eine Geldstrafe in Kauf zu nehmen. Soll heißen, Bestrafung für Sex halte ich für nicht praktikabel. Wie um alles in der Welt will man beweisen, dass ein Virus durch Sex übertragen wurde, wenn es die Betroffenen abstreiten?

Ich denke, es wäre sinnvoller, massenhaft Kondome zu verteilen UND zu erklären, wie man sie benutzen muss. Am besten in Bildern. Solches Informationsmaterial gibt es ja bereits zu hauf. Sicher, man kann jetzt einwenden, dass die Akzeptanz von Kondomen in den meisten afrikanischen Gesellschaften, so auch in Sierra Leone, ausgesprochen niedrig ist. Aber der Druck, der durch Ebola ausgeübt wird, wäre vielleicht sogar ein genialer Zeitpunkt, um eben diese Akzeptanz zu erhöhen. Denn einem Überlebenden sieht man natürlich nicht an, ob und wann er die Krankheit hatte. In jedem Fall denke ich, die Menschen müssen stärker mobilisiert werden, die Betroffenen als Handelnde, nicht als Opfer verstanden werden. Es ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll, drastische Maßnahmen von oben zu verordnen. Stattdessen sollte die Zustimmung und aktive Unterstützung der Bevölkerung gewonnen werden. Aber was verstehe ich schon von Politik…

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter