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Fälschungen im Ebola-Kampf: Wenn Armut Menschen unehrlich werden lässt

Bei meinem Besuch im DERC Meeting (DERC = District Ebola Response Centre) in Kailahun kommt ein neues Problem auf den Tisch: Das Ministerium für Soziale Wohlfahrt berichtet, dass gefälschte „Entlassungs-Zertifikate“ im Umlauf sind. Diese Zertifikate werden allen Ebola-Überlebenden von den behandelnden Zentren ausgestellt, um Stigmatisierung und Angst in der Nachbarschaft zu verhindern und auch, um den Betroffenen Zugang zu verschaffen zu weiteren Hilfsleistungen. Denn das Ministerium möchte die Überlebenden dabei unterstützen, wieder ein normales Leben zu beginnen. Da fast der gesamte Besitz von Ebola-Infizierten aus Sicherheitsgründen vernichtet wird, stehen die Überlebenden oft im wahrsten Sinne des Wortes vor dem Nichts, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen werden.

In Kailahun ist es nun der Fall, dass Medecins Sans Frontieres (MSF) im von ihnen geleiteten Behandlungszentrum fälschungssichere Zertifikate ausstellen. Einige Patienten aus Kailahun mussten aber nach Kenema in Behandlungszentren, da in Kailahun nicht genug Betten frei waren. Und dort wurden offenbar, so berichtete das Ministerium, Entlassungs-Zertifikate ausgestellt, die leicht kopiert werden können. Um also die unterstützenden Leistungen an Überlebende abzugreifen, haben jetzt Gesunde, die nie Ebola hatten, diese Zertifikate gefälscht.

Diese Information habe ich getwittert, was in der Community einen regelrechten Schlagabtausch ausgelöst hat. Mir wurde vorgeworfen, lieber die „Schuld“ bei der armen Bevölkerung zu suchen, als bei mir selbst, beim Versagen der internationalen NGOs.

Ich persönlich finde die ganze Angelegenheit extrem interessant und sie beleuchtet zahlreiche Facetten. Zum einen stellt sich die Frage, warum die gesunde Bevölkerung sich nicht solidarisch zeigt mit den Überlebenden. Denn faktisch hat das Ministerium jetzt die Verteilung von Übergangshilfe suspendiert. Es muss jetzt Person für Person nochmal mit dem Behandlungszentrum im Nachbardistrikt Kenema abgeklärt werden, ob sie jemals dort behandelt wurde, ja oder nein. Erst nach diesem langwierigen Prozess wird das Ministerium seine Arbeit wieder aufnehmen. Es hat also im Endeffekt niemand was gewonnen, aber die Überlebenden müssen tagelang auf dem Boden schlafen, weil sie nicht mal eine neue Matratze bekommen haben. Wo ist die Solidarität? Sind die Menschen so arm, dass sie darauf keine Rücksicht nehmen? Hat der Bürgerkrieg eine jeder-für-sich-selbst Mentalität gefördert? Schaut man von den „dicken Fischen“ ab, bei denen Korruption zum täglichen Geschäft gehört?

Und wie sind die Vorwürfe auf twitter zu verstehen? Es sollte jedem klar sein, dass es mit den vorhandenen Ressourcen einfach nicht möglich ist, die gesamte Bevölkerung neu auszustaffieren. Sicher, Ebola bietet in gewisser Hinsicht eine Chance für Sierra Leone, das ja schon immer zu den ärmsten Ländern der Welt gehörte, endlich mehr ausländische Hilfe ins Land zu bekommen. Aber nichtsdestotrotz muss die Zielgruppe eingegrenzt werden, und wenn jemand sein gesamtes Hab und Gut aufgrund einer Krankheit verliert, ist es sein Recht, von der Regierung und der Internationalen Gemeinschaft Ersatz zu fordern. Das lässt sich aber nur umsetzen, wenn alle an einem Strang ziehen, die lokale Bevölkerung eingeschlossen.
Ich bin wirklich die Letzte die mit dem Finger auf andere zeigt und nach Schuldigen sucht. Man kann hier nicht Pauschalisieren. Es geschehen so viele Dinge auf einmal, so viele Fehler auf einmal, es gibt so viele kausale Ketten, das jede Fehlentscheidung verdammt schnell zu einem Hindernis im Kampf gegen Ebola werden kann. Das betrifft die Regierung, internationale NGOs und die lokale Bevölkerung gleichermaßen. Ebola kann nur gemeinsam besiegt werden.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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