Schlagwort-Archiv: Quarantäne

Die Angst vor der Rückkehr aus Ebola Gebieten nach Europa / Deutschland

Es mag noch weit in der Zukunft liegen, aber trotzdem kommt der Gedanke hin und wieder auf:

  • Wie werden Freunde und Familie reagieren, wenn ich zurück komme?
  • Wird man mich meiden?
  • Ausreden vorschützen, um mich nicht treffen zu müssen?
  • Wird meine Familie heimlich die Tage abzählen, von 21 runter, und mich erst dann willkommen heißen?
  • Und wie ist meine eigene Position dazu?
  • Bin ich ein Risiko?
  • Sollte ich Kontakt zu Kindern vermeiden, um sie nicht zu gefährden?
  • Sollte ich mich etwa 21 Tage lang selbst in Quarantäne setzen???

Schon vor meiner Abreise gab es einen schönen Artikel dazu auf zeit.de. Die Reaktionen scheinen also gemischt zu sein, und auf ähnliches bereite ich mich auch in meinem Bekanntenkreis vor. Eigentlich hatte ich für März geplant, ein Yoga-Retreat zu besuchen. Aber kann ich das jetzt überhaupt machen? Kann ich das verantworten? Körperkontakt, und zwar auch nach schweißtreibenden Übungen, wird da nicht ausbleiben. Sollte ich verschweigen, wo ich arbeite? Etwa lügen?

Ich sage es ehrlich heraus: Ich habe mich noch nicht entschieden. Manch einer mag mich für einen schlechten Menschen halten und mir vorwerfen, dass ich bereit bin, andere zu gefährden. Aber dagegen sprechen die Fakten: Erst wenn Krankheitssymptome da sind, ist ein Infizierter auch ansteckend. Wenn man sich selbst einem genauen Monitoring unterzieht, seine Temperatur misst und auch auf andere Symptome achtet, besteht praktisch keine Gefahr für das Umfeld.

Trotzdem, Zweifel bleiben. Wie verhalte ich mich verantwortungsvoll und erspare mir gleichzeitig einen Jahresurlaub in Quarantäne?

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Ebola Tragödie in Devil Hole: Die Folgen eines vermeindlich negativen Tests

In den letzten Tagen des Jahres 2014 hat sich ein dramatischer Ebola-Fall in Western Area abgespielt. Über 100 Personen wurden in einer einzigen Siedlung unter Quarantäne gestellt. Ich möchte hier kurz den Hergang der Vorfälle schildern:

Mrs Isa Tullah, Bewohnerin von Devil Hole/Zimi wurde als Ebolaverdachtsfall in das Krankenhaus Maccauley Street in Freetown eingeliefert. Es wurde Blut abgenommen und die Proben wurden im Zentrallabor untersucht. Ergebnis: Negativ. Die Ärzte haben sie folglich am 22.12. aus dem Krankenhaus entlassen. Am 25.12. war die Frau tot. Da ja aber bestätigt worden war, dass es sich NICHT um Ebola handelt, kamen Freunde, Verwandte und Nachbarn, um sich zu verabschieden, so wie es die Tradition vorsieht.

Am 27.12. werden die ersten Nachbarn krank. Trotzdem dauert es noch bis zum 02.01., bis im Rahmen der „Western Area Surge“, einer 4-wöchigen Social Mobilisation Aktion der Regierung, offenbar wird, dass sich mehr als 30 Ebola-Verdachtsfälle in Devil Hole befinden. Bis gestern waren davon 28 als positiv bestätigt.

Dieser einzelne Fall illustriert, wie es immer wieder zu schlimmen Rückschlägen kommt im Kampf gegen Ebola. Ein einziger Fehler – vielleicht wurde der Bluttest verwechselt, vielleicht hat einfach ein Test mal versagt, vielleicht hat ein Angestellter des Labors einen Fehler gemacht – und schon sind 28 Menschen mehr infiziert. Ebola verzeiht keine Fehler.

Auf twitter habe ich darueber geschrieben und es ist eine interessante diskussion entstanden.

Wir von der Welthungerhilfe unterstützen jetzt die Familien in Quarantäne mit Nahrungsmittel-Paketen. Devil Hole wird in Zukunft in unser eigenes Projekt zur Social Mobilisation integriert um zu verhindern, dass es nochmal zu einer derartigen Tragödie kommen kann. Der Fall zeigt außerdem, dass es tatsächlich nötig ist, ALLE Verstorbenen einer „Sicheren und würdevollen Bestattung“ zuzuführen. Das Risiko ist einfach zu groß, dass ein Fehler im Labor zahlreiche weitere, vermeidbare Todesfälle nach sich zieh.

Über den Fall in Devil Hole wird morgen, Dienstag, 06.01. im „ZDF heute journal“ berichtet, wobei die Arbeit der Welthungerhilfe im Fokus stehen wird. Wer also mal alles in Farbe und bewegten Bildern sehen will, ist herzlich dazu aufgefordert, um 22.25 Uhr einzuschalten.

Dieser Artikel ist auch auf Englisch verfügbar

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Ebolafieber besiegt das Weihnachtsfieber von Sierra Leone

20% der Sierra Leoner sind Christen. Der erste und zweite Weihnachtstag sind Feiertage und traditionell reist das gesamte Land in Provinzen über Weihnachten um die Verwandtschaft zu besuchen. Die Menschen sammeln sich auf der Straße und an den Stränden, um gemeinsam zu feiern. Zumindest haben mir das meine Kollegen so erzählt. Denn dieses Jahr ist alles anders. Man könnte sagen: Weihnachten fällt aus.

Die Strände, an denen die Menschen sonst immer am zweiten Weihnachtstag zu fröhlichen Partys zusammenströmten, seien geschlossen. „Und wir haben wunderschöne Strände“, bedauert James-DeKam. Die Regierung hat öffentliche Feiern untersagt. Und sie hat angekündigt, Soldaten auf die Straßen zu schicken, damit das Verbot eingehalten wird.

Der öffentliche Fernverkehr operiert praktisch nicht mehr. Ohne Sondergenehmigung ist es unmöglich, weite Strecken zu verreisen, denn nach 17 Uhr werden keine privaten Autos mehr durch die zahlreichen Straßensperren gelassen. Überlandreisen werden so schwierig bis unmöglich. Zudem wurde die Bevölkerung dazu aufgerufen, keine Gäste ins Haus zu lassen. Die Regierung hat Angst, dass Menschenansammlungen, insbesondere nach Einbruch der Dunkeheit, zu einer noch erhöhten Ansteckungsgefahr führen könnten – und das will man natürlich um jeden Preis verhindern, zumal an Weihnachten. Die Auswirkungen einer solchen Ausganssperre kann hat Kamanda, Mitglied des internationalen Jugendbeirats von Plan aus Sierra Leone beschrieben:

Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es ist, den ganzen Tag zu Hause sitzen (oder liegen) zu bleiben, ohne nach draußen gehen zu dürfen, ohne in der Gemeinde zu laufen. Es war, als hätten wir drei Tage im Gefängnis gesessen. Aber es war eine richtige Entscheidung, um die Menschen vor Ebola besser zu schützen.

Ein Kollege hat mich am vergangenen Sonntag in den Gottesdienst mitgenommen. Ich bin nicht religiös, aber aus Interesse an der lokalen Kultur bin ich mit gekommen. Am Ende gab es die Ankündigung, dass der nächtliche Gottesdienst am Weihnachtsabend ausfällt und stattdessen am darauf folgenden Morgen stattfindet. Der nächtliche Gottesdienst wird aber im Radio übertragen, und der Priester hat dazu aufgerufen, einen gemeinsamen Gottesdienst zu zelebrieren, jeder von den eigenen vier Wänden aus. Man tut was man kann. Und hofft auf bessere Zeiten im nächsten Jahr.

Für uns im Büro war sowieso klar, dass Weihnachten diese Jahr ausfällt: Wir ertrinken in Arbeit. Und da Ebola offensichtlich auch nicht an Feiertagen Pause macht, müssen wir durcharbeiten. Auch an den Weihnachtstagen werden Haushalte unter Quarantäne gestellt, auch an den Weihnachtstagen müssen Essenspakete ausgeliefert werden.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Quarantäne nach Ebola-Fall: 21 Tage Gefängnis im Eigenheim

Haushalte, die einen bestätigten Ebola-Fall zu verzeichnen haben, dürfen 21 Tage lang nicht ihr Haus verlassen. So lange ist die Inkubationszeit von Ebola. Erst, wenn nach 21 Tagen keine weiteren Haushaltsmitglieder krank geworden sind, können alle aufatmen.

Ich möchte, dass Du Dir das vorstellst. 21 Tage lang im Haus. Tag und Nacht. Mit der ganzen Familie, meist auf engem Raum. Das Haus wird mit einem roten Band markiert, diese Linie darf niemand übertreten, weder von der einen, noch von der anderen Seite.

Frau die 21 Tage in Haushaltsquarantaene leben muss, nachdem sich ein Mitbewohner mit Ebola infiziert hat. By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Frau die 21 Tage in Haushaltsquarantaene leben muss, nachdem sich ein Mitbewohner mit Ebola infiziert hat.
By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
  • Was isst Du?
  • Was trinkst Du?
  • Wie kaufst Du Kaffee, Zigaretten, Telefonkarten?
  • Wo holst Du Wasser zum Wäsche waschen?
  • Wo bekommst Du Holzkohle zum Kochen?
  • Und vor allem – Wie kannst Du Deinen Lebensunterhalt verdienen?

Am Anfang der Ebola-Epidemie war es die Regierungsstrategie, ganze Dörfer unter Quarantäne zu stellen.

Auch die Regierungen sind aktiv geworden. Mit Hilfe des Militärs und der Polizei werden Sicherheitsbestimmungen durchgesetzt. Die Zentren der Epidemie, auch ganze Städte, in Sierra Leone zum Beispiel Kenema und Kailahun, wurden abgeriegelt. Verlassen und Betreten der unter Quarantäne gestellten Orte ist nicht möglich. Angehörige, die Kontakt mit Infizierten hatten, werden unter Hausarrest gestellt.

Die Dörfer wurden nach außen hin komplett abgeriegelt, die Dorfbewohner konnten sich aber innerhalb des Dorfes frei bewegen. Das Ergebnis: Eine extrem hohe Infektionsrate innerhalb ganzer Dorfgemeinschaften. Ein einziger Ebolafall konnte den Tod von zweistelligen Prozentzahlen der Dorfbevölkerung nach sich ziehen. Siehe ZDF Video:

Kinder
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2282232/Ebola:-Ein-ganzes-Dorf-in-Quarant%C3%A4ne
. (Bild via zdf.de)

Die Welthungerhilfe hat von Anfang an dagegen gehalten und für Haushalts-Quarantäne geworben. Der Vorteil: Die kleine Gruppe von tatsächlichen Kontaktpersonen kann nicht das ganze Dorf anstecken. Der Nachteil: Es ist sehr viel aufwändiger, einzelne Haushalte zu identifizieren und abzuriegeln, als einfach die Zufahrt zu einem ganzen Dorf zu versperren. Trotzdem, anders geht es nicht.

Wir bringen den Familien in Quarantäne jede Woche ein Paket mit Essen, Trinkwasser und Hygieneprodukten. Was sonst benötigt wird, müssen Nachbarn beschaffen, die wesentlich Anteil haben am erfolgreichen gelingen der Quarantäne. Geld und Waren werden auf die rote Linie gelegt, die Menschen treten 3 m von der Linie zurück, dann übernimmt der jeweils andere Part. Manchmal frage ich mich, wie das eigentlich in Deutschland wäre. Amazon würde wahrscheinlich das Geschäft des Jahrtausends machen…

Aber Menschen brauchen mehr zu Leben als nur Nahrung und Wasser. Menschen sind soziale Wesen. Menschen brauchen Aufgaben, Beschäftigung. Menschen brauchen Trost nach dem Verlust naher Angehöriger. Eine Perspektive. Hoffnung.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Was ist eigentlich das Problem?

Ich wünschte, auf diese Frage gäbe es eine einfache Antwort. Eine Antwort, die ich sowohl den Menschen in Deutschland geben könnte, die sich fragen, warum die Ebola Epidemie nun seit Monaten unbesiegt bleibt. Eine Antwort, die ich vor allem auch den Menschen in Sierra Leone geben könnte. Ein einfache Antwort, die sich in einem Satz vermitteln lässt.

Aber diese Antwort gibt es nicht. Das Problem ist zu vielschichtig. Eigentlich ist alles an der Kombination „Extreme Armut – Ebola – Westafrika“ ein Problem. Um nur ein paar Anhaltspunkte zu geben, hier mein Brainstorm:

Die Anzahl ausgebildeter sierra-leonischer Ärzte ist verschwindend gering (ich schätze sie auf weniger als 50 landesweit). Die hygienischen Bedingungen sind schlecht, viele Menschen teilen einfache Toiletten. Am Anfang haben die Menschen nicht der Regierung geglaubt, da das Verhältnis zwischen Regierung und Menschen schlecht ist, es gibt kein Vertrauen. Es sind zu wenige ausländische Ärzte bereit zu kommen. Die deutschen Medien stellen Ebola als unbeherrschbar dar, was falsch ist und nur Angst schürt. Sierra Leone ist auch für Malaria ein Hochrisiko-Land. Ebola hat anfangs die gleichen Symptome wie Malaria und wird deshalb oft geleugnet.  Lokale Bestattungsrituale sehen das Waschen von Toten vor, dabei steckt man sich leicht an. Die lokale Kultur ist überhaupt stark auf Körperkontakt bezogen, die Menschen stehen sich sehr nah. Man ist in Sierra Leone sehr gastfreundlich, Besucher werden niemals abgewiesen. Die Internationale Reaktion kam zu spät und zu langsam. Zu viele NGOs und UN Organisationen zirkeln um Koordination, während am Boden zu wenig passiert. Zu viele Ressourcen gehen in die Behandlung, anstatt sich vorrangig auf die Eindämmung der Ansteckung zu konzentrieren. Das Problem auch ist auch bei HIV bekannt, vgl. William Easterly,

„Wir retten die Welt zu Tode“

Außer Ebola gab es dieses Jahr leider noch eine Reihe anderer Katastrophen, so dass das mediale Interesse schnell wieder weg war.

Das ist, was mir nach einem Monat Arbeit in Sierra Leone in 5 min einfällt. Da stellt sich mal wieder die berechtigte Frage, was der Einzelne tun kann, ja, was eine einzelne NGO überhaupt machen kann.

Aber darauf gibt es zum Glück eine einfache Antwort: Verdammt viel.

Seit 4 Wochen arbeite ich jeden einzelnen Tag als Projektadministratorin für die Deutsche Welthungerhilfe in Freetown. Der administrative Aufwand für den Umsatz von Spenden und Drittmitteln, also Geldern von z.B. der deutschen Regierung, ist enorm.

Hilfsorganisationen bringen Lebensmittelpakete zu Familien die im Dorf John Obey in Sierra Leone von Ebola betroffen sind By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Damit die lokalen Kräfte vor Ort Seife, Chlor, Aufklärungsmaterialien, Essens-Pakete für Haushalte in Quarantäne, verteilen können, müssen wir jeden einzelnen Schritt schriftlich erfassen. Jede Ausgabe muss belegt werden, jede Verteilung von Hilfsgütern dokumentiert. Wir starten gerade ein Projekt, in dem 33.000 Haushalts-Pakete verteilt werden. Das bedeutet 33.000 handsignierte Übergabeprotokolle. Am Ende muss alles zusammen passen: Es muss exakt das gekauft worden sein, was auch im Lagerhaus angekommen ist. Es muss exakt die Menge das Lagerhaus verlassen, die auch beim Haushalt ankommt. Manchmal frage ich mich, ob das Teil der Lösung oder Teil des Problems ist. Aber all das ist aus der Diskussion um accountability, um Nachprüfbarkeit der Entwicklungszusammenarbeit entstanden. Das ist aber eine andere Geschichte, von der ich ein anderes Mal erzählen werde.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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