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Helfen wir an Ebola erkrankten Menschen oder den Gesunden?

Mit einem meiner Kollegen hatte ich kürzlich eine interessante Diskussion: Wer ist eigentlich die Zielgruppe unserer Intervention? Natürlich denkt man zuerst an die Kranken. Die Kranken müssen behandelt werden und wenn möglich geheilt. Man denkt an die Familien, die sich in Quarantäne befinden und täglich bangen, ob sich Anzeichen einer Ansteckung zeigen. In diese Scharte schlägt auch das Time Magazine, wenn es das „Medizinische Personal im Kampf gegen Ebola“ zu Persönlichkeiten des Jahres kürt. Im Nachsatz werden auch alle anderen Helfer genannt, aber das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass das medizinische Personal im Vordergrund steht. Zu Recht vielleicht – denn natürlich sind sie es, die einem echten, ernsten Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind.

Andererseits zählt Sierra Leone zum jetzigen Zeitpunkt etwas weniger als 7000 bestätigte Infektionen. Bei einer Gesamtbevölkerung von um die 5 Millionen. Eine Zielgruppe von 7000 Personen kann man als überschaubar bezeichnen. Aber leider ist faktisch das Gegenteil der Fall: Die 4.993.000 Sierra-Leoner, die sich bisher noch nicht infiziert haben, sind unsere Zielgruppe. Die Gesunden vor einer Ansteckung zu schützen, ist das Ziel. Und das ist nicht die Aufgabe von Ärzten und Krankenschwestern, hier sind ganz andere Dinge gefragt:

  • Aufmerksamkeit erzeugen,
  • Aufklärung,
  • Verhaltensweisen ändern,
  • Koordination und Logistik.

Prävention heißt das Stichwort, so wie es die Regierung vor Ort probiert zum Beispiel mit folgendem Werbeplakat probiert:

Stoppt Ebola Kampagne der Regierung aus Sierra Leone. von User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Aber natürlich ist es wesentlich weniger spannend für die breite Öffentlichkeit, mit einem Handzettel von Haus zu Haus zu tingeln als im Astronauten-Anzug kranke und leidende Menschen zu versorgen. Geldgeber investieren auch lieber in HIV-Medikamente als Kondome zu verteilen. Der Homepage der Gatesfoundation entnehmen wir:

Unsere größte Investition gilt der Erforschung und Entwicklung eines HIV-Impfstoffs.

Ohne genaue Zahlen zu kennen, ist mein Eindruck vor Ort bisher folgender: Sowohl Geldgeber als auch UN und NGOs haben sich mehrheitlich auf den medizinischen Sektor gestürzt. Es werden Behandlungszentren aus dem Boden gestampft, in Impfstoff- und Medikamenten-Forschung investiert, Ärzte aus dem Ausland rekrutiert. Das deckt sich auch mit der UN-Mission für Ebola-Notfallmaßnahmen (UNMEER) (UN Resolution 2177 des UN Sicherheitsrates)

Die Hauptaufgabe ist vor allem die logistische Verteilung von Krankenstationen, Fahrzeugen und Telekommunikationsausrüstung in den am stärksten betroffenen Ländern.

Diese Aktivitäten fressen meiner Meinung nach Millionen. Und ändern nichts daran, dass die Überlebenschancen der 7000 Infizierten gering sind und weitestgehend dem Zufall unterliegen, bzw. stark vom allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten abhängen. Ganz abgesehen davon, dass praktisch all diese Aktivitäten dermaßen langsam ablaufen, dass es für einen echten Impact in der aktuellen Krise eigentlich zeitlich sowieso nicht mehr reichen kann.

Was viel, viel zu wenig passiert ist social mobilization, flächendeckend und gut organisiert. Die Menschen müssen aufwachen. Soziale Kontrolle ist nötig. Bestimmte Verhaltensweisen müssen aufhören. Jeder einzelne Sierra Leoner, der einen Nachbarn oder Freund überredet NICHT zu einer Beerdigung zu gehen, ist ein Held. Jede, die einen Besucher nicht in ihr Haus lässt, ist eine Heldin. Jeder, der auch zu einem engen Freund Körperkontakt vermeidet, ist ein Held.

So vieles erinnert an die HIV-Epidemie in z.B. Südafrika. Dort habe ich Menschen sagen hören: „Unsere Traditionen sind älter als HIV. Wir werden unser Verhalten nicht ändern.“ Aber leider können neue Infektionskrankheiten die „Träger“ von Traditionen ausrotten. Der umgekehrte Fall dürfte weitaus seltener sein.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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