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Ebola und Armut – eine tödliche Kombination

Warum Westafrika? Ebola-Ausbrüche hat es schon häufig gegeben, z.B. in Uganda, aber nie kam es zu einer derartigen Epidemie. Klar scheint aber zu sein, dass die extreme Armut in weiten Teilen Westafrikas ein Faktor war, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass sich Ebola so stark ausbreiten konnte. Wie trägt Armut zur Ausbreitung einer Krankheit bei?

Dazu möchte ich zuerst zwei „Sorten“ von Armut unterscheiden: Zum einen die Armut der Bevölkerung, und zum anderen die Armut des Staates. Es gibt zahlreiche Gründe, warum Sierra Leone als Staat betrachtet kein reiches Land ist, allen voran wohl Korruption. Die Diamantenvorkommen, die Fischgründe und die traumhaften Sandstrände, bestens geeignet für paradieshungrige, europäische Touristen, sollten eigentlich einen wohlhabenden Staat vermuten lassen. Aber wie in vielen afrikanischen Staaten mit reichhaltigen Ressourcen ist leider das Gegenteil der Fall. Kriminalität und Korruption im Handel mit eben diesen Ressourcen halten Länder in ihrer Armut gefangen. So auch in Sierra Leone. Das Ergebnis ist ein kaum existentes Sozialsystem, Krankenhäuser ohne Medikamente oder medizinischer Ausstattung, Schulen ohne Bücher, Straßen ohne Teer. Genau diese drei Faktoren, Gesundheit, Bildung und Transport, tragen maßgeblich zum Ebola-Problem bei.

Es ist offensichtlich, dass wenige und schlecht ausgestattete Krankenhäuser zu einer Ebola-Epidemie beitragen. Die strengen Isolationsmaßnahmen, die nötig sind überfordern die Krankenstationen schlicht. Das alles dann von außen ins Land zu bringen, über ausländische Hilfsorganisationen und Regierungen, braucht Zeit. Genau in dieser Zeit findet aber bereits eine weitere Verbreitung des Virus statt. Auch die mangelhafte Bildung weiter Teile der sierra-leonischen Bevölkerung hat Anteil an der Ausbreitung der Krankheit. Viele Menschen können nicht lesen und können also mit den vielen Informationsplakaten und Zeitungsartikeln nichts anfangen, es sei denn, sie sind sehr gut bebildert. Viele Menschen haben auch schlicht Schwierigkeiten damit, das gesamte Konzept eines „Virus“ als solches zu begreifen. Und es ist ja auch zugegeben nicht ganz trivial, dass ein für das menschliche Auge nicht sichtbarer winziger Partikel einen Menschen dermaßen grausam erkranken lassen kann. Dazu kommt das schlecht ausgebaute Straßennetz. Kranke müssen zügig transportiert werden, aber genau das ist ja kaum möglich. Viele Orte sind praktisch nur per Jeep zu erreichen, manche sogar nur per Boot. Da ist Transport ein Abenteuer.

Zu diesen ungünstigen Voraussetzungen gesellt sich dann die Armut der Bevölkerung. Eine Studie der Njala Universität (http://www.ebola-anthropology.net/case_studies/village-responses-to-ebola-virus-disease-in-rural-central-sierra-leone/) hat gezeigt, dass viele Menschen aus ökonomischen Zwängen heraus einen zu frühzeitigen Arztbesuch vermeiden. Erkrankt ein Familienmitglied, wird erst mal gewartet. Vielleicht kann man sich ja das Geld für den Transport zur nächsten Gesundheitsstation sparen? Auch die Kosten für den Arzt, denn wenn es KEIN Ebola ist, ist die Behandlung ja nicht kostenlos. Die meisten Familien warten also 2-3 Tage, bevor sie überhaupt die Entscheidung treffen, ob ein Arzt notwendig ist oder nicht. Ist eine solche Notwendigkeit dann festgestellt, muss oft erst Geld von Freunden und Verwandten zusammen geliehen werden. Wieder vergehen ein paar Tage. Bis der Patient dann schließlich zum Arzt aufbrechen kann, ist oft schon die Phase höchster Ansteckungsgefahr erreicht. Während des Transportes wird es dann fast unweigerlich zu weiteren Ansteckungen kommen. Und so nimmt die Epidemie ihren Lauf.

Der Ausbruch von Ebola mag weitestgehend zufällig geschehen. Die Ausbreitung hingegen ist stark vom jeweiligen Standort abhängig – und Sierra Leone war in dieser Hinsicht klar auf der Seite der Verlierer.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Fälschungen im Ebola-Kampf: Wenn Armut Menschen unehrlich werden lässt

Bei meinem Besuch im DERC Meeting (DERC = District Ebola Response Centre) in Kailahun kommt ein neues Problem auf den Tisch: Das Ministerium für Soziale Wohlfahrt berichtet, dass gefälschte „Entlassungs-Zertifikate“ im Umlauf sind. Diese Zertifikate werden allen Ebola-Überlebenden von den behandelnden Zentren ausgestellt, um Stigmatisierung und Angst in der Nachbarschaft zu verhindern und auch, um den Betroffenen Zugang zu verschaffen zu weiteren Hilfsleistungen. Denn das Ministerium möchte die Überlebenden dabei unterstützen, wieder ein normales Leben zu beginnen. Da fast der gesamte Besitz von Ebola-Infizierten aus Sicherheitsgründen vernichtet wird, stehen die Überlebenden oft im wahrsten Sinne des Wortes vor dem Nichts, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen werden.

In Kailahun ist es nun der Fall, dass Medecins Sans Frontieres (MSF) im von ihnen geleiteten Behandlungszentrum fälschungssichere Zertifikate ausstellen. Einige Patienten aus Kailahun mussten aber nach Kenema in Behandlungszentren, da in Kailahun nicht genug Betten frei waren. Und dort wurden offenbar, so berichtete das Ministerium, Entlassungs-Zertifikate ausgestellt, die leicht kopiert werden können. Um also die unterstützenden Leistungen an Überlebende abzugreifen, haben jetzt Gesunde, die nie Ebola hatten, diese Zertifikate gefälscht.

Diese Information habe ich getwittert, was in der Community einen regelrechten Schlagabtausch ausgelöst hat. Mir wurde vorgeworfen, lieber die „Schuld“ bei der armen Bevölkerung zu suchen, als bei mir selbst, beim Versagen der internationalen NGOs.

Ich persönlich finde die ganze Angelegenheit extrem interessant und sie beleuchtet zahlreiche Facetten. Zum einen stellt sich die Frage, warum die gesunde Bevölkerung sich nicht solidarisch zeigt mit den Überlebenden. Denn faktisch hat das Ministerium jetzt die Verteilung von Übergangshilfe suspendiert. Es muss jetzt Person für Person nochmal mit dem Behandlungszentrum im Nachbardistrikt Kenema abgeklärt werden, ob sie jemals dort behandelt wurde, ja oder nein. Erst nach diesem langwierigen Prozess wird das Ministerium seine Arbeit wieder aufnehmen. Es hat also im Endeffekt niemand was gewonnen, aber die Überlebenden müssen tagelang auf dem Boden schlafen, weil sie nicht mal eine neue Matratze bekommen haben. Wo ist die Solidarität? Sind die Menschen so arm, dass sie darauf keine Rücksicht nehmen? Hat der Bürgerkrieg eine jeder-für-sich-selbst Mentalität gefördert? Schaut man von den „dicken Fischen“ ab, bei denen Korruption zum täglichen Geschäft gehört?

Und wie sind die Vorwürfe auf twitter zu verstehen? Es sollte jedem klar sein, dass es mit den vorhandenen Ressourcen einfach nicht möglich ist, die gesamte Bevölkerung neu auszustaffieren. Sicher, Ebola bietet in gewisser Hinsicht eine Chance für Sierra Leone, das ja schon immer zu den ärmsten Ländern der Welt gehörte, endlich mehr ausländische Hilfe ins Land zu bekommen. Aber nichtsdestotrotz muss die Zielgruppe eingegrenzt werden, und wenn jemand sein gesamtes Hab und Gut aufgrund einer Krankheit verliert, ist es sein Recht, von der Regierung und der Internationalen Gemeinschaft Ersatz zu fordern. Das lässt sich aber nur umsetzen, wenn alle an einem Strang ziehen, die lokale Bevölkerung eingeschlossen.
Ich bin wirklich die Letzte die mit dem Finger auf andere zeigt und nach Schuldigen sucht. Man kann hier nicht Pauschalisieren. Es geschehen so viele Dinge auf einmal, so viele Fehler auf einmal, es gibt so viele kausale Ketten, das jede Fehlentscheidung verdammt schnell zu einem Hindernis im Kampf gegen Ebola werden kann. Das betrifft die Regierung, internationale NGOs und die lokale Bevölkerung gleichermaßen. Ebola kann nur gemeinsam besiegt werden.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Was ist eigentlich das Problem?

Ich wünschte, auf diese Frage gäbe es eine einfache Antwort. Eine Antwort, die ich sowohl den Menschen in Deutschland geben könnte, die sich fragen, warum die Ebola Epidemie nun seit Monaten unbesiegt bleibt. Eine Antwort, die ich vor allem auch den Menschen in Sierra Leone geben könnte. Ein einfache Antwort, die sich in einem Satz vermitteln lässt.

Aber diese Antwort gibt es nicht. Das Problem ist zu vielschichtig. Eigentlich ist alles an der Kombination „Extreme Armut – Ebola – Westafrika“ ein Problem. Um nur ein paar Anhaltspunkte zu geben, hier mein Brainstorm:

Die Anzahl ausgebildeter sierra-leonischer Ärzte ist verschwindend gering (ich schätze sie auf weniger als 50 landesweit). Die hygienischen Bedingungen sind schlecht, viele Menschen teilen einfache Toiletten. Am Anfang haben die Menschen nicht der Regierung geglaubt, da das Verhältnis zwischen Regierung und Menschen schlecht ist, es gibt kein Vertrauen. Es sind zu wenige ausländische Ärzte bereit zu kommen. Die deutschen Medien stellen Ebola als unbeherrschbar dar, was falsch ist und nur Angst schürt. Sierra Leone ist auch für Malaria ein Hochrisiko-Land. Ebola hat anfangs die gleichen Symptome wie Malaria und wird deshalb oft geleugnet.  Lokale Bestattungsrituale sehen das Waschen von Toten vor, dabei steckt man sich leicht an. Die lokale Kultur ist überhaupt stark auf Körperkontakt bezogen, die Menschen stehen sich sehr nah. Man ist in Sierra Leone sehr gastfreundlich, Besucher werden niemals abgewiesen. Die Internationale Reaktion kam zu spät und zu langsam. Zu viele NGOs und UN Organisationen zirkeln um Koordination, während am Boden zu wenig passiert. Zu viele Ressourcen gehen in die Behandlung, anstatt sich vorrangig auf die Eindämmung der Ansteckung zu konzentrieren. Das Problem auch ist auch bei HIV bekannt, vgl. William Easterly,

„Wir retten die Welt zu Tode“

Außer Ebola gab es dieses Jahr leider noch eine Reihe anderer Katastrophen, so dass das mediale Interesse schnell wieder weg war.

Das ist, was mir nach einem Monat Arbeit in Sierra Leone in 5 min einfällt. Da stellt sich mal wieder die berechtigte Frage, was der Einzelne tun kann, ja, was eine einzelne NGO überhaupt machen kann.

Aber darauf gibt es zum Glück eine einfache Antwort: Verdammt viel.

Seit 4 Wochen arbeite ich jeden einzelnen Tag als Projektadministratorin für die Deutsche Welthungerhilfe in Freetown. Der administrative Aufwand für den Umsatz von Spenden und Drittmitteln, also Geldern von z.B. der deutschen Regierung, ist enorm.

Hilfsorganisationen bringen Lebensmittelpakete zu Familien die im Dorf John Obey in Sierra Leone von Ebola betroffen sind By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Damit die lokalen Kräfte vor Ort Seife, Chlor, Aufklärungsmaterialien, Essens-Pakete für Haushalte in Quarantäne, verteilen können, müssen wir jeden einzelnen Schritt schriftlich erfassen. Jede Ausgabe muss belegt werden, jede Verteilung von Hilfsgütern dokumentiert. Wir starten gerade ein Projekt, in dem 33.000 Haushalts-Pakete verteilt werden. Das bedeutet 33.000 handsignierte Übergabeprotokolle. Am Ende muss alles zusammen passen: Es muss exakt das gekauft worden sein, was auch im Lagerhaus angekommen ist. Es muss exakt die Menge das Lagerhaus verlassen, die auch beim Haushalt ankommt. Manchmal frage ich mich, ob das Teil der Lösung oder Teil des Problems ist. Aber all das ist aus der Diskussion um accountability, um Nachprüfbarkeit der Entwicklungszusammenarbeit entstanden. Das ist aber eine andere Geschichte, von der ich ein anderes Mal erzählen werde.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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