Kategorie-Archiv: Deutsch

Ebola in den deutschen Medien

Heute möchte ich mal über meinen Eindruck schreiben, den die deutschen Medien bei mir hinterlassen hatten, und diesen Eindruck mit der Realität vor Ort vergleichen. Ich erhebe weder Anspruch darauf, dass ich die mediale Berichterstattung in ihrer Gänze erfasst hätte, noch, dass ich vermittelte Inhalte immer richtig interpretiert habe. Trotzdem stelle ich eben einen Medien-Konsumenten dar, und den Eindruck dieses einen Konsumenten möchte ich hier beschreiben.

Mein Eindruck in Deutschland war also folgender: Ebola breitet sich in Sierra Leone immer weiter aus, weil es so eine gefährliche Krankheit ist, die in höchstem Maße ansteckend ist. Trotz enormer Finanzmittel gelingt es der internationalen Gemeinschaft nicht, die Verbreitung einzudämmen. Außerdem sind die Menschen auch ein bisschen dumm und halten sich nicht an die notwendigen Regeln.

Zum Beispiel hier:

Titelseite Dt

Das war in etwas das, was meiner Meinung nach vermittelt wurde bisher. Die Wirkung davon war, dass nicht weniger meiner Freunde und Verwandten mein Vorhaben, nach Sierra Leone zu gehen, für leichtsinnig und verantwortungslos gehalten haben. Eine Tante hätte mich am liebsten im Keller festgebunden, während ein Freund darauf bestand, dass ich auch keine Gegenstände mehr anfassen könne, weil alles potentiell Virenträger sein könnte. Einige Freunde wusste bis zu meiner Abreise im November nicht, dass Ebola nur über Körperflüssigkeiten übertragen werden kann und nicht über die Luft wie z.B. Grippe. Bei all diesen Berichten in Zeitung, Radio und Fernsehen frage ich mich ernsthaft, was da eigentlich schon wieder schief gelaufen ist?! Wenn man über eine neue Krankheit berichtet, wäre es da nicht vor allem wichtig, die genauen Ansteckungsmechanismen zu vermitteln? Wäre das nicht das Erste, um das sich die Medien kümmern sollten? Stattdessen wurden mal wieder haltlose Ängste geschürt und die öffentliche Diskussion zirkelte hauptsächlich darum, ob sich die Menschen in Deutschland um ihre eigene Gesundheit fürchten müssen. Aus meiner Sicht ist das nicht weniger als mediales Versagen und ein Armutszeugnis (und ein Grund mehr für diesen Blog).

Und um den Kreis zu schließen, mein Eindruck vor Ort ist folgender: Um sich mit Ebola zu infizieren, muss man grundlegende Hygienemaßnahmen missachten. Die Regierung war schon vor Ebola schwach und die Notsituation hat ihre Handlungsfähigkeit nicht gerade verstärkt. Die öffentlichen Gelder fließen zu wenig in Prävention und Aufklärung, dafür zu viel in Behandlung und Forschung. Viele Menschen können nicht lesen, haben keine Radios und sind fest in ihren Traditionen verwurzelt. Das sind die Gründe für die Ausbreitung. Mit der Gefährlichkeit oder schwierigen Behandelbarkeit von Ebola hat die Epidemie nur wenig zu tun.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Ebola und Lassa Fieber

Der Ebola-Ausbruch in Westafrika ist mit Abstand der größte Ebola-Ausbruch, den die Welt je erlebt hat. Viele fragen sich, warum es ausgerechnet in Westafrika zu so einer enormen Verbreitung des Virus kommen konnte. Die Ausbrüche, die es in der Vergangenheit in Ländern wie Uganda oder dem Kongo gab, wurden viel eher unter Kontrolle gebracht. Es gibt sicherlich viele Gründe dafür. Aber einer, der immer wieder als Grund genannt wird, gehört nicht dazu, zumindest nicht wirklich: Es sei der erste Ebola-Ausbruch in Westafrika gewesen.

Es stimmt, Ebola gab es noch nie zuvor in Sierra Leone, Liberia oder Guniea. Aber wofür gerade die Grenzregion zwischen Liberia und Sierra Leone aber als Hotspot bekannt ist, ist ein anderes Virus: Lassa.

Über Lassa wusste ich bis vor kurzen eigentlich gar nichts. Aber zufällig bin ich in dem Buch „Chasing the Devil“ von Tim Butcher auf folgenden Absatz gestoßen:

„Lassa is one of the world’s deadliest diseases and not one to take chances with. It is a viral haemorrhagic fever, similar to ebola, that inflicts a slow and painful death on its victims by destroying blood vessels and causing bodily extremities to swell with excess fluid, like balloons filling with water. In extreme cases blood can gush from nostrils, eye-sockets, ears, even fingernail beds, and victims often die from drowning as their lungs fill with liquid.

What makes lassa so dangerous is that all secreted fluids can carry the virus, so family members, nurses or doctors looking after a victim can easily become contaminated. Entire families can be wiped out and the fatality rate among health workers, especially in the undeveloped world, is often terribly high. When scientists handle the virus in research facilities in the developed world they apply the highest safety standards, known as Biosafety Level 4 (BSL-4), wearing sealed suits inside special laboratories where the air is not just filtered but kept at a pressure lower than atmospheric pressure, so that if there is an accidental leak the air inside the chamber cannot readily leak out. If caught early enough – something that requires sophisticated clinical testing – lassa fever is treatable with antiviral drugs, but by the time it is identified in rural areas in Africa, for example, where testing is limited, it is often so advanced that treatment becomes a battle of fluid levels as medics try to stop the patient from bleeding out while at the same time stopping themselves from becoming infected. Kenema lies in the border area between Sierra Leone and Liberia, a region with the unfortunate distinction of being one of the world’s lassa hotspots. It is most commonly spread by infected rats, through urine trails which they have the unsavoury habit of dripping everywhere as they move.”

Übersetzung:

“Lassa ist eine der tödlichsten Krankheiten der Welt, mit ihr ist nicht zu Spaßen. Es handelt sich um ein virales hämorrhagisches Fieber, genau wie Ebola, das einen langsamen und schmerzhaften Tod zur Folge hat, indem Blutgefäße zerstört werden und die Extremitäten mit Flüssigkeit anschwellen wie Ballons. In extremen Fällen kann Blut aus Nase, Augen, Ohren und sogar Fingernägel-Betten austreten und Opfer sterben häufig durch Ertrinken, weil sich ihre Lungen mit Flüssigkeit füllen.

Was Lassa so gefährlich macht ist, dass alle Körperflüssigkeiten den Virus tragen können. Familienmitglieder, Krankenschwestern oder Ärzte, die einen Patienten versorgen, können sich leicht selbst infizieren. Ganze Familien können ausgelöscht werden und die Todesrate unter Gesundheitsarbeitern, vor allem in Entwicklungsländern, ist schrecklich hoch. Wenn Wissenschaftler das Virus in Forschungseinrichtungen untersuchen, müssen die höchsten Sicherheitsstandards angewandt werden, sie müssen verschlossene Plastikanzüge in speziellen Labors tragen, in denen die Luft nicht einfach nur gefiltert wird, sondern sogar unter Unterdruck steht. Kommt es zu einem Unfall, kann die Luft aus dem Labor nicht einfach ausströmen. Wird Lassa früh genug erkannt – was fortschrittliche Testmethoden erfordert – kann es mit antiviralen Medikamenten behandelt werden. Aber zu dem Zeitpunkt, zu dem es im ländlichen Afrika erkannt wird, zum Beispiel in Regionen mit begrenzten Möglichkeiten für Labortests, ist es meist so Fortgeschritten, das die Behandlung zu einem Kampf von Flüssigkeitsständen wird: Die Ärzte versuchen, den Patienten vom Verbluten zu bewahren, während sie gleichzeitig versuchen, sich nicht selbst anzustecken. Kenema liegt in der Grenzregion von Sierra Leone zu Liberia, eine Region mit dem zweifelhaften Ruf, einer der Lassa-Hotspots der Welt zu sein. Lassa wird normalerweise durch infizierte Ratten verbreitet, durch Urinspuren die leider auf Schritt und Tritt von Ratten hinterlassen werden.“

Das kommt einem doch sehr bekannt vor. Es handelt sich also sowohl bei Lassa, als auch bei Ebola um ein hämorrhagisches Fieber, und beide müssen mit gleichen Sicherheitsstandards behandelt werden. Warum um alles in der Welt war man in Sierra Leone dann nicht besser vorbereitet gewesen? Es hätte dann doch eigentlich schon know-how als auch Equipment für genau solche Viruserkrankungen im Land sein müssen!!! Und das in einer Zeit, in der z.B. der Hyogo Framework for Action (2005-2015) die Welt zu einem Fokus auf Katastrophenvorsorge aufgerufen hat.

Ärzte ohne Grenzen hat vergangene Woche einen Report veröffentlicht und ähnliches angeprangert, allerdings in Bezugnahme auf die letzte große Epidemie, nämlich Cholera in Haiti:

“The Ebola outbreak has often been described as a perfect storm: a cross-border epidemic in countries with weak public health systems that had never seen Ebola before,” said MSF general director Christopher Stokes.

“Yet this is too convenient an explanation. For the Ebola outbreak to spiral this far out of control required many institutions to fail. And they did, with tragic and avoidable consequences.”

The lessons learned by the WHO from the last international pubic health crisis, the cholera outbreak in Haiti that began in 2010 – were simply ignored and not put in place, says the report.“

Übersetzung:

„Der Ebola-Ausbruch wurde häufig als der “perfekte Sturm” beschrieben: eine grenzüberschreitende Epidemie in Ländern mit schwacher Gesundheitsversorgung, die zudem noch nie zuvor mit Ebola zu tun hatten“, sagte der Generaldirektor von MSF Christopher Stokes.

„Aber das ist eine zu bequeme Erklärung. Dass ein Ebola-Ausbruch dermaßen außer Kontrolle gerät, erfordert das Versagen vieler Institutionen. Und genau das ist passiert, mit tragischen und vermeidbaren Konsequenzen.“

Die Lektionen, die die Weltgesundheitsorganisation von der letzten internationalen Gesundheitskrise – dem Cholera-Ausbruch in Haiti 2010 – gelernt hatte, wurden schlicht ignoriert und nicht angewandt, sagt der Report.“

Es ist müßig einen Schuldigen finden zu wollen. Aber was bei Cholera und Lassa offenbar versäumt wurde, sollte bei Ebola nicht wieder versäumt werden: Aus den Fehlern die gemacht wurden zu lernen.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Gefängnis für Sex? – Kriminalisierung von Ebola-Überlebenden

Ebola-Überlebende haben ein Problem: Noch mindestens drei Monate, nachdem sie als geheilt entlassen wurden, können in Spermien oder Vaginalflüssigkeiten Ebola-Viren enthalten sein. Damit werden sie zur Gefahr für den Erfolg im Kampf gegen Ebola und können jederzeit ein Wiederaufflackern der Epidemie verursachen, obwohl man das Virus schon für besiegt hielt. Es war in der Diskussion, ob der einzelne Fall, der in Liberia nach 28 Tagen ohne Fälle aufgetreten ist, durch Sex mit einem Überlebenden verursacht worden war. Es scheint aber, dass dies nun ausgeschlossen wurde. Wie dem auch immer sei, Überlebende stellen sozusagen eine reale Gefahr da.

Trotzdem ist aus meiner Sicht die Haltung der Regierung zu diesem Thema verfehlt. Auf der Titelseite der Tageszeitung Awareness Times war vergangene Woche zu lesen, dass „Überlebende gewarnt werden, auf Sex zu verzichten.“ Diese Botschaft kam vom Präsidenten höchst persönlich. Im Text hieß es dann, dass hart durchgegriffen werden, sollte bekannt werden, dass ein Überlebender einen neuen Ebola-Fall verursacht hat. Und soweit ich weiß wurde mind. 1 Person bereits zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, da sie eine Sex-Arbeiterin infiziert hatte.

Ernest Bai Koroma warnt Überlebende vor frühzeitigem Sex.
Ernest Bai Koroma warnt Überlebende vor frühzeitigem Sex.

Aus meiner persönlichen Sicht ist das der falsche Ansatz. Zum einen halte ich es für unrealistisch, dass Überlebende drei Monate auf Sex verzichten. Mein Eindruck ist, dass mindestens zwei Dinge dem entgegenstehen: 1. Der Hang dazu, Gefahren zu verleugnen oder zu ignorieren. So wurde ja lange Ebola für ein Gerücht gehalten und was ich von meinen nationalen Kollegen so gehört habe, hält man auch HIV gerne für ganz weit weg vom eigenen Leben. 2. Sex wird hier, so mein Eindruck, als essentielles „Recht“ wahrgenommen. Ist ja in Deutschland nicht anders. Das ist eine gefährliche Kombination in Zeiten von Ebola.

Hinzu kommt, dass sicherlich keine Ehefrau ihren Mann „verpetzen“ wird, wenn er dafür 1 Jahr in den Knast wandern muss! Falls die Betroffene eine Sex-Arbeiterin ist, gut, dann kann ich mir das noch vorstellen. Aber die eigene Ehefrau hat sicherlich kein Interesse daran, ihren Mann, der gerade eine schwere Krankheit überlebt hat und potentiell wesentlich zum Einkommen der Familie beiträgt, ans Gefängnis zu verlieren oder z.B. auch eine Geldstrafe in Kauf zu nehmen. Soll heißen, Bestrafung für Sex halte ich für nicht praktikabel. Wie um alles in der Welt will man beweisen, dass ein Virus durch Sex übertragen wurde, wenn es die Betroffenen abstreiten?

Ich denke, es wäre sinnvoller, massenhaft Kondome zu verteilen UND zu erklären, wie man sie benutzen muss. Am besten in Bildern. Solches Informationsmaterial gibt es ja bereits zu hauf. Sicher, man kann jetzt einwenden, dass die Akzeptanz von Kondomen in den meisten afrikanischen Gesellschaften, so auch in Sierra Leone, ausgesprochen niedrig ist. Aber der Druck, der durch Ebola ausgeübt wird, wäre vielleicht sogar ein genialer Zeitpunkt, um eben diese Akzeptanz zu erhöhen. Denn einem Überlebenden sieht man natürlich nicht an, ob und wann er die Krankheit hatte. In jedem Fall denke ich, die Menschen müssen stärker mobilisiert werden, die Betroffenen als Handelnde, nicht als Opfer verstanden werden. Es ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll, drastische Maßnahmen von oben zu verordnen. Stattdessen sollte die Zustimmung und aktive Unterstützung der Bevölkerung gewonnen werden. Aber was verstehe ich schon von Politik…

Julia Broska

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Ebola und Menschen mit Behinderungen

Über dieses Thema hatte ich lange selbst nicht nachgedacht. Ich kenne mich auch nicht aus auf dem Gebiet der Betreuung von Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen. Trotzdem möchte ich von zwei interessanten Ereignissen berichten, über die ich zufällig gestolpert bin.

Im Fernsehen habe ich gesehen, dass eine lokale Vereinigung von Blinden und Sehbehinderten ein Informationsblatt zu Ebola in Blindenschrift herausgebracht hat. Denn auch wenn mittlerweile viele Informationen als gute Handzeichnungen zur Verfügung stehen, so dass auch Menschen erreicht werden, die nicht lesen können, hilft das Blinden natürlich herzlich wenig. Und die Ansteckungsgefahr ist für sie ja sehr real, denn sie sind oft auf Körperkontakt angewiesen, z.B. wenn sie einen Blindenführer in Anspruch nehmen. Dieses gilt generell für viele Menschen mit Behinderungen: Viele brauchen Assistenz um ihren Alltag zu bewältigen, und diese Assistenz umfasst oft auch Körperkontakt, z.B. Hilfe beim Anziehen, Toilettengang, Essen etc. Hier sind Menschen mit entsprechenden Behinderungen also klar gefährdet.

Thomas Alieu, Executive Director of the Educational Centre for the Blind and Visually Impaired in Sierra Leone, sagt:

„The visually impaired people were feeling very vulnerable in the fight against Ebola, and there was a real sense of loneliness. This was primarily because in the Ebola outbreak, people are encouraged not to touch each other, but for the visually impaired, this makes it very difficult to go about in daily life.“

Übersetzung: „Die Sehbehinderten haben sich im Kampf gegen Ebola sehr verletzlich und einsam gefühlt. Der Hauptgrund war, dass Menschen sich nicht berühren sollten während der Ebola-Krise, aber für Sehbehinderte ist das sehr schwierig im Alltag.“

(Quelle: http://www.actionaid.org/india/shared/challenges-faced-visually-impaired-fighting-ebola-sierra-leone)

Ein lokales Heim für Polio-Kranke hat mich angeschrieben und darum gebeten, dass die Welthungerhilfe das Heim mit Nahrung versorgt. Durch die Ebola-Krise sei das Hilfspersonal auf ein Minimum beschränkt worden und man versuche wo es ginge Kontakt zur Außenwelt zu vermeiden, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Daher wäre es hilfreich, wenn auf den Einkauf auf dem Markt verzichtet werden könnte.

Für mich ist aber spätestens jetzt klar geworden, dass sich für Betroffene oft ganz andere Probleme stellen als für den Rest der Bevölkerung und dass vor allem die oft eingeschränkte Mobilität zahlreiche Probleme mit sich bringt. Menschen mit Behinderungen sollten auf jeden Fall besondere Aufmerksamkeit erfahren bei der Implementierung von Projekten, sei es nun Nothilfe wie im Fall von Ebola, oder seien es langfristige Entwicklungsprojekte. Jeder sollte teilhaben können.

Für mehr Infos empfehle ich diese Website:
http://www.handicap-international.us/ensuring

Julia Broska

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3 Tage Lock-down in Freetown

3 Tage Lock-down in Freetown
Im Zuge der “Zero Ebola Campaign” hat die sierra-leonische Regierung, genauer genommen der “NERC” (National Ebola Response Committee), eine 3 tägige Ausgangssperre landesweit verhängt. Während dieser Zeit soll gleichzeitig nach Kranken gesucht werden, die dann direkt in Behandlungszentren überführt werden. Ziel ist es, ALLE Kranken landesweit zu identifizieren und so endlich auf 0 zu kommen, was die Neuinfektionen betrifft. Die Kampagne läuft insgesamt mehrere Wochen, im April wird es an drei weiteren Wochenenden zu Ausgangssperren kommen, dies wurde bereits angekündigt.

Was bedeutet das für mich als Mitarbeiterin in der Ebola-Antwort? Natürlich werden für UN, Regierung und NGOs Ausnahmen gemacht. Es wurde vorher auf die Notwendigkeit eines speziellen Ausweises aufmerksam gemacht und diesen habe ich auch von meinem Arbeitgeber erhalten. Trotzdem erfordert ein solcher lock-down eine gewisse Planung. Drei Tage Essen lagern in den Tropen ohne Strom? Nicht einfach, wenn man sich nicht ausschließlich von Keksen ernähren will. Hier ein Bild meiner Einkäufe:

In der WHH Ebola Response WhatsApp Gruppe wurden interessante Ratschläge rumgeschickt, z.B. diese Liste hier:

„Meine Lockdown-Liste
1. Essen (Kinder, Erwachsene und spezielle Ernährungen)
2. Wasser (viel, denn man trinkt mehr, wenn man sich nicht bewegt)
3. Medikamente (Schmerzmittel, Imodium, Malaria-Medikamente, wenn Du Kinder hast, auch essentielle Medikamente für Kinder)
4. Lade Dein Handy auf (und kaufe eine zusätzliche Auflade-Karte für Notfälle)
5. Lade den Stromzähler mit Geld auf
6. Wenn Du einen Generator hast, kaufe Benzin, auch falls Du ein Auto hast
7. Zahle Dein Pay-TV Abonnement
8. Feuerzeug oder Streichhölzer
9. Besorge Dir ein gutes Buch, Filme, Brettspiele oder irgendwas anderes, was Dir Spaß macht, denn er wird wirklich langweilig
10. Falls Du Hausangestellte hast, kaufe etwas für sie (es ist zwar noch nicht Monatsende, aber komm schon!)
11. Kaufe was für Deine armen Nachbarn, damit sie nicht während des lockdowns an Deine Tür klopfen“

Freitag, Tag 1, habe ich als normalen Arbeitstag aufgefasst und bin morgens ins Büro. Noch nie war ich so schnell von meinem Wohnort im Büro, ich glaube, der Weg hat keine 10 min gedauert, im Vergleich zu sonst guten 25 min. Der Verkehr in Freetown, besonders an bestimmten Kreisverkehren, ist katastrophal und kostet normalerweise Unmengen an Zeit. Im Büro war es schön ruhig, da nur wenige Kollegen da waren, und ich konnte richtig gut was abarbeiten. Das hat mir gefallen!

Samstag und Sonntag, Tag 2 und 3, bin ich zuhause geblieben, wie vorgesehen. Das war eine gute Gelegenheit um zu beobachten, was die Einheimischen eigentlich so machen während eines lock-downs. Kinder haben in versteckten Ecken Ball gespielt. Jugendliche haben sich auf die Treppenstufen vor’s Haus gesetzt und gequatscht. Eine Frau hat einen Stuhl vor die Tür gestellt und praktisch der gesamten weiblichen Nachbarschaft die Haare neu geflochten.
Alles in allem war der lock-down eigentlich recht positiv für mich. Man hatte seine Ruhe im Büro und ein Wochenende zuhause ist ja auch nicht verkehrt, um mal ganz abzuschalten . Ob der lock-down auch für den Kampf gegen Ebola etwas Positives beitragen konnte, mag dahingestellt bleiben.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Julia zu Besuch in Deutschland

Vor 2 Wochen war Julia bei mir zu Besuch. Sie war 10 Tage zuvor noch in Sierra Leone in Freetown wo sozusagen das Epizentrum des Ebola Outbreaks wuetet. Offensichtlich konnte man damals nicht auschliessen, dass Julia nicht infiziert war. Klar gab es Gesundheitschecks bei der Einreise nach Deutschland aber wir wissen ja dass die Inkubationszeit von Ebola zwischen 2 und 21 Tagen dauert. Ich war gespalten, wie ich Julia begegnen wuerde. Zu guter letzt verliess ich mich darauf, dass Julia ihre Temperatur regelmaessig messen wuerde und dass Ebola erst ansteckend ist, so bald es ausgebrochen ist.

Kurz bevor die beiden an kamen besuchte mich noch ein Freund der jahrelang fuer MSF und jetzt fuer Save the Children arbeitet. Er informierte mich erneut darueber, dass Ebola einer der agressivsten und ansteckendsten Viren sei, den es gibt. Er meinte es gibt einen Grund warum das Hab und Gut von erkrankten komplett verbrannt wird. Das laege doch nicht daran, dass Ebola sich nur beim direkten Austausch von Koerperfluessigkeiten uebertragen wuerde. Ich war erneut verunsichert.

Ich fuehrte mit ihm eine lange Diskussion ueber all das, was ich durch Julias Arbeit, den Blog, Wikipedia und die Medienberichterstattung wusste. Ich bekam das Bild nicht gerade. Mein Bekannter hatte mit dem Verbrennen von Guetern einen validen Punkt. Waere es also tatsaechlich moeglich, dass Julia sich infiziert hatte, der Virus noch nicht ausgebrochen ist, ich sie nicht beruehre, sie aber trotzdem Viren in meiner Wohnung hinterlaesst?

Doch dann stand Julia vor der Tuere. Ich liess sie hinein. ich war mir nach wie vor nicht sicher, ob ich Julia beruehren wollte. Eigentlich waere ja eine kurze Umarmung kulturell angemessen gewesen. Erst als ich Julia sagte, dass ich mir Sorgen mache und sie das etwas ueberrascht wiederholt ueberkam mich der soziale Druck und ich konnte mich zu einer Umarmung durchringen. Irgendwie aergerte ich mich darueber. Julia war sehr verstaendnisvoll und hatte aktiv keinerlei Druck ausgeuebt. Doch habe ich von ihr gelernt, dass gerade das einhalten von Kultur und Normen eine der groessten Ursachen dafuer ist, dass der Virus sich weiter ausbreitet. Julia beschreibt oft, dass Bildung im Kampf durch Praevention essentiell ist. Wie kann es also sein, dass ich als gut gebildeter Mensch der noch am Zweifeln ist sich so unvorsichtig verhaelt?

Wie dem auch sei. Ich kochte Nudeln und machte einen Salat fuer Julia. Wir entschieden uns noch dafuer in eine Kneipe zu gehen. Auf dem Weg dorthind kaufte ich mir noch Desinfektionsspray. Ich war latent ueberfordert. Manche Sprays waren nur gegen eine Teilmenge von Grippeviren viele waren aber auch nicht gerade fuer den Kontakt mit der Haut bestimmt. Ich entschied mich fuer irgend ein starkes Mittel.

Der Kneipenbesuch war interessant. Ich erfuhr von Julia, dass sie seit ihrer Ankunft in Deutschland kein Fieber mehr gemessen habe. Sie wuerde ihren Koerper kennen und merken wenn sie krank sei. Klar hatte ich das schon mal in ihrem Blog gelesen aber da war die Umgebung eine andere, da hatte sie taeglich mehrere Gesundheitschecks. Hier in Deutschland fand ich ihr Verhalten eher riskant. Sie beharrte aber darauf, dass sie im Urlaub sei und vor allen Dingen froh, das Fieber messen als eine der laestigsten Sachen endlich los zu sein und sie nicht mal ein Thermometer mit habe.

Als ich dann wieder zu Hause ankam begann ich die Wohnung zu desinfizieren. Ich spruehte alles ein von dem ich wusste, dass Julia damit in Kontakt war oder von dem ich vermutete, dass Julia damit in Kontakt gekommen sein koennte. Vor allem die Teller, das Besteck und die Glaeser die Julia benutzt hatte. Leider waren sie zu dem Zeitpunkt noch nicht gewaschen. Ich spritzte das Geschirr unter der Dusche ab, da ich keine potentiellen Viren in meiner Kueche haben wollte und stellte es dann auf den Balkon wo ich es erneut desinfizierte. Heute 2 Wochen spaeter steht das Geschirr immer noch auf meinem Balkon, den ich seit dem nicht mehr betreten habe. Ich weiss mittlerweile, dass Julia zu der Zeit sicher kein Ebola gehabt haben kann, da sie mittlerwile ueber 20 Tage aus Sierra Leon ist. Ich gebe mir aber noch einen Puffer von einer Woche und werde das Geschirr dann abspuehlen und auch wieder selbst benutzen.

Insgesamt war es eine grenzwertige Erfahrung einen vertrauten Menschen einzuladen, dessen Kontakt potentiell toetlich ist. Ich bewunder Julia sehr fuer ihren Mut nach Sierra Leone sozusagen in das Mienenfeld zu gehen. Ich koennte das offensichtlich nicht, da mich ihre Besuch bereits nahezu ueberfordert hat.

Rene

Rene ist PhD Student und blogger. Er setzt sich fuer freies Wissen und freie Bildung ein. Dadurch ist er auf wikiversity, wikimedia commons und gelegentlich auf der Wikipedia aktiv. Er unterstuetzt Julia ihre Erfahrungen aus Sierra Leone zu verbreiten.

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Interview mit Commit & Act in Bo

Ende Dezember hatte ich die Ehre, eine unserer Partner-NGOs, Commit and Act, in Bo zu treffen. Sie arbeiten in der psycho-sozialen Unterstützung für Ebola-Opfer. Ich habe ein kleines Interview mit der Direktorin, Hannah Bockarie, gemacht, siehe Video unten.
27.12.2014

Julia: Hallo Hannah! Ich bin Julia, die Blog-Betreiberin, und ich möchte ein Interview mit unserem Partner „Commit and Act“ führen. Hannah, könntest Du bitte Dich und die NGO vorstellen?

Hannah: Ich bin Hannah Bockarie, ich bin Sierra Leonerin und die Direktorin der Commit and Act Stiftung.

Julia: Könntest Du kurz das Ziel Deiner NGO vorstellen?

Hannah: Unser Ziel ist es, Sierra Leonern zu helfen, sie auszubilden und mit Individuen zu arbeiten, die psychische Probleme haben. Wir unterstützen sie indem wir ihnen Betreuung anbieten und dabei unseren ACT-Ansatz umsetzen. Und wir arbeiten auch mit Frauen und Frauengruppen. Wir geben ihnen das nötige Selbstbewusstsein, auf eigenen Beinen zu stehen, auch dabei nutzen wir Werkzeuge des ACT-Ansatzes. Das ist, was wir in Sierra Leone tun. Wir trainieren verschiedene Kategorien von Menschen und nutzen dabei den ACT-Ansatz, wir helfen Menschen dabei, ihr eigenes Leben wieder als bedeutungsvoll zu empfingen und ihre Werte zu identifizieren. Das ist es, was wir machen. Außerdem arbeiten wir mit jungen Mädchen die noch kein Opfer von weiblicher Beschneidung geworden sind (FGM). Wir arbeiten mit 32 Mädchen, das Projekt wird von der Desert Flower Stiftung unterstützt. Wir unterstützen diese jungen Mädchen, sie sind alle unter 18 Jahre alt, darin, sich nicht beschneiden zu lassen. Ihre Eltern haben Abkommen mit uns unterzeichnet. Im Austausch unterstützen wir die Mädchen finanziell für Medizin, Essen und gebrauchte Kleidung, Dinge, die sie brauchen. Wir trainieren außerdem Berater von verschiedenen Organisationen und geben ihnen die nötige Ausbildung, um im Kampf gegen Ebola zu helfen. Ebola geht einher mit Trauma, Stigma und Ablehnung. So hat sich eine Negativ-Spirale entwickelt. Wir versuchen, diesen negativen Kreislauf zu durchbrechen indem wir Berater oder Tröster nutzen und an verschiedenen Standorten zeigen, wie der Kreislauf der Ansteckung durchbrochen werden kann.

Julia: Könntest Du die Probleme beschreiben, mit denen die von Ebola betroffenen Gemeinden konfrontiert sind, insbesondere was psychologische Probleme angeht?

Hannah: Ich sage Dir, es ist nicht einfach für meine Landsleute die von Ebola beeinträchtigt oder infiziert wurden, denn es besteht viel Stigmatisierung. Die Leute stigmatisieren die Ebola-Überlebenden, und sogar Familien, die in Quarantäne gesetzt wurden. Außerdem verschließen viele die Augen vor dem Problem, es ist schwierig, den Kreislauf der Ansteckung zu durchbrechen. Commit and Act hat sich in verschiedenen Bereichen engagiert, wir haben in verschiedenen Gemeinden psycho-soziale Hilfe für betroffene Familien angeboten. Außerdem trainieren wir Partner, die raus gehen wollen und den betroffenen Familien helfen möchten. Wir bieten Trainings-Einheiten für sie an. Wir sind auch ein Teil des DHM-Teams, Distrikt-Medizinisches-Team und bieten unsere Hilfe an wo immer es nötig ist. Wir sind Teil des NERC, die Dachorganisation für die Ebola-Bekämpfung. Wir haben uns in verschiedenen Bereichen engagiert und haben versucht den Prozess zu begleiten unter Verwendung des ACT-Ansatzes, der hier sehr gut angewendet werden kann. Das Problem das wir jetzt haben ist, das die Leute Ebola immer noch leugnen, sie waschen immer noch ihre Toten, in manchen Gebieten glauben sie nicht, dass Ebola real ist. Außerdem haben wir das Problem der Stigmatisierung, Angst und Panik, Stigmatisierung von medizinischen Angestellten und ausländischen Helfern. Es gibt wirklich viele Probleme durch Ebola. Commit and Act ist ein Teil des Kampfes gegen Ebola und wir haben 25 Berater die in verschiedenen Orten mit Familien in Quarantäne arbeiten, sie bieten Trost, emotionale Unterstützung und nutzen den „prosozialen“ Ansatz. In diesem Ansatz geht es darum, dass Menschen die Werte erkennen, die hinter ihrem Handeln stehen. Das Problem des Waschens von Verstorbenen, wir versuchen den Menschen dabei zu helfen, einen anderen Gegenstand zu identifizieren, der die Leiche ersetzen kann. Etwas, dass sie benutzen können, anstatt die Leiche zu küssen, zu waschen, zu berühren. Wir unterstützen die Menschen dabei, etwas in ihrer Gemeinschaft zu finden, was die Leiche repräsentieren kann, und dann ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, zu weinen, den Gegenstand zu berühren und zu waschen. In manchen Gemeinden haben sie den Stamm einer Bananen-Staude verwendet, dieser Stamm repräsentiert die Leiche. Wir ermutigen sie, diesen Stamm zu beweinen, zu zeigen, wie sehr sie die Person vermissen, was auch immer sie tun möchten, das aufgrund von Ebola nicht möglich war. Anstatt sich mit Ebola zu infizieren, haben sie etwas, was die Leiche ersetzen kann. Das ist es, was wir als „prosozialen“ Ansatz verstehen und in einigen Gemeinden hat es gut funktioniert.

Julia: Und gibt es irgendetwas anderes, eine Botschaft, die Du unserer deutschen Leserschaft mitteilen möchtest?

Hannah: Ich bin so dankbar, so glücklich, dass wir nun eine Partnerschaft mit der Welthungerhilfe etabliert haben. Wir werden ein Projekt umsetzen, in dem wir 50 Lehrer zu Trainern ausbilden. Sie werden in verschiedene Gemeinden gehen, in 15 Chiefdoms im gesamten Distrikt. Und sie werden dann dort wieder Personen nach dem „prosozialen“ Ansatz ausbilden. Trainings werden in 94 Sektionen stattfinden. Sie werden verschiedene Meinungsführer und Stakeholder ausbilden, 40 pro Sektion. Im Endeffekt werden wir so distriktweit 3740 Menschen erreichen. Wir trainieren sie, um sie dann zurück zu ihren Leuten zu schicken um die Kette der Ansteckung zu durchbrechen, denn es gibt viele falsche Wahrnehmungen und viel Ablehnung. Das ist, was wir in dem Projekt tun. Und die 50 Lehrer werden zu Trainern ausgebildet. Und die 40 Personen die pro Sektion kommen werden von verschiedenen Dörfern dieser Sektionen kommen. Ich sage Dir, die Paramount-Chiefs können es kaum erwarten, dass wir mit unserem Projekt beginnen. Es wird dem Distrikt dabei helfen, die Kette der Ansteckung zu durchbrechen, denn worum es wirklich geht ist die Einstellung der Menschen, die nicht akzeptieren, dass Ebola real ist. Das Projekt wird meinen Landsleuten helfen zu verstehen, was Ebola wirklich ist und wie sie die Kette der Ansteckung durchbrechen können. Vor allem Frauen wurden häufig infiziert mit EVD (Ebola Virus Disease). Wir wollen schauen, wie wir am besten Frauengruppen in die Trainings eingliedern können, so dass diese Frauen verstehen, dass sie nicht länger die Rolle der Krankenpflege in ihrer Familie übernehmen können wenn der Ehemann oder ein Kind erkrankt. Stattdessen müssen sie ihren Ehemann überzeugen, zur nächsten Gesundheits-Station zu gehen. Das ist auch Teil des Trainings-Pakets, denn wir haben festgestellt, dass Frauen häufiger infiziert werden, weil sie die Rolle der Krankenpflege übernehmen. Wenn ich krank werde, wird sich nicht mein Ehemann um mich kümmern. Stattdessen wird er meine Mutter oder meine Schwester holen, die sich dann um mich kümmern. Wenn er aber krank wird, werde ich mich um ihn kümmern. Dadurch sind Frauen stärker in die Ansteckung involviert und erkranken häufiger an Ebola. Sogar wenn mein Kind krank ist, wird mein Ehemann es nicht anfassen, ich aber natürlich schon. Das wollen wir alles im Trainings-Paket mit aufnehmen, wir wollen diese Frauen trainieren, verschiedene Kategorien von Menschen trainieren ein Teil von der Durchbrechung der Ansteckungskette zu werden. Ich denke, dass dieses Projekt viele Leben retten wird und der Bo-Distrikt es schaffen wird, 0 Ansteckungen zu haben. Deshalb möchte ich mich ganz herzlich bei dem deutschen Team bedanken das dieses Projekt in Sierra Leone unterstützt. Wir sind nicht die einzige Organisation, die sie unterstützen, sie finanzieren verschiedene Projekte an verschiedenen Standorten. Also, vielen Dank für die Unterstützung an Sierra Leone, wir lieben das wirklich und wir wissen dass ihr uns geholfen habt, die Kette der Ansteckung dieser schrecklichen Krankheit zu durchbrechen. Ich bedanke mich, und wir fangen genau jetzt mit der Arbeit an!

Julia: Danke, Hannah, für dieses interessante Interview. Danke auch an Commit and Act für diese tolle Projektidee, wir sind auf unsere Partner angewiesen, die die Situation und die Menschen vor Ort kennen. Es ist toll, dass wir eine so professionelle NGO gefunden haben. Vielen Dank!

Hannah: Danke.

Nachtrag: Das Projekt wurde mittlerweile mit großem Erfolg umgesetzt. Bo wurde im Februar als 2. Distrikt landesweit als Ebola-frei erklärt.

Commit and Act im Internet:

Dieses interview wurde aus dem Englischen frei uebersetzt

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Die Angst vor der Rückkehr aus Ebola Gebieten nach Europa / Deutschland

Es mag noch weit in der Zukunft liegen, aber trotzdem kommt der Gedanke hin und wieder auf:

  • Wie werden Freunde und Familie reagieren, wenn ich zurück komme?
  • Wird man mich meiden?
  • Ausreden vorschützen, um mich nicht treffen zu müssen?
  • Wird meine Familie heimlich die Tage abzählen, von 21 runter, und mich erst dann willkommen heißen?
  • Und wie ist meine eigene Position dazu?
  • Bin ich ein Risiko?
  • Sollte ich Kontakt zu Kindern vermeiden, um sie nicht zu gefährden?
  • Sollte ich mich etwa 21 Tage lang selbst in Quarantäne setzen???

Schon vor meiner Abreise gab es einen schönen Artikel dazu auf zeit.de. Die Reaktionen scheinen also gemischt zu sein, und auf ähnliches bereite ich mich auch in meinem Bekanntenkreis vor. Eigentlich hatte ich für März geplant, ein Yoga-Retreat zu besuchen. Aber kann ich das jetzt überhaupt machen? Kann ich das verantworten? Körperkontakt, und zwar auch nach schweißtreibenden Übungen, wird da nicht ausbleiben. Sollte ich verschweigen, wo ich arbeite? Etwa lügen?

Ich sage es ehrlich heraus: Ich habe mich noch nicht entschieden. Manch einer mag mich für einen schlechten Menschen halten und mir vorwerfen, dass ich bereit bin, andere zu gefährden. Aber dagegen sprechen die Fakten: Erst wenn Krankheitssymptome da sind, ist ein Infizierter auch ansteckend. Wenn man sich selbst einem genauen Monitoring unterzieht, seine Temperatur misst und auch auf andere Symptome achtet, besteht praktisch keine Gefahr für das Umfeld.

Trotzdem, Zweifel bleiben. Wie verhalte ich mich verantwortungsvoll und erspare mir gleichzeitig einen Jahresurlaub in Quarantäne?

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Wie schütze ich mich vor einer Ebola Infektion?

Ich gehöre nicht zum medizinischen Personal. Aber dennoch hatte ich Kontakt mit Kranken, mit Quarantänehaushalten und mit Ebola-Überlebenden. Vor meiner Ausreise habe ich ein Online-Training von einem Tropenmediziner bekommen. Es war ein 1,5 stündiges Gespräch. Mehr nicht. Natürlich habe ich mich durchs Internet geklickt und versucht, mehr Informationen zu sammeln über Fragen, die aus der Ferne kritisch schienen:

  1. Wie lange kann das Virus außerhalb des menschlichen Körpers überleben?
  2. Sind Tiere ansteckend?
  3. Kann man mit einer offenen Wunde, z.B. einem Schnitt im Finger, noch auf die Straße?

In den ersten drei Wochen in Sierra Leone habe ich täglich zweimal meine Körpertemperatur gemessen. Nur um sicher zu gehen. Zusätzlich zu den ca. 5 Mal, die sie beim Ein- und Ausgang im Büro, bei Meetings und Hotels gemessen wird. Ich habe mir die Hände mit einer Bürste geschrubbt und sicherlich mehr als 10 Mal am Tag desinfiziert. Ich habe mir nicht ohne vorheriges Hände waschen und desinfizieren ins Gesicht gefasst.
Mittlerweile mache ich das alles nicht mehr. Ich lebe praktisch normal. Ich desinfiziere noch die Hände nach jedem Händewaschen, und den Temperatur-Kontrollen auf der Straße kann man nicht entgehen. Und natürlich vermeide ich jeden Körperkontakt. Aber darüber hinaus treffe ich keine besonderen Maßnahmen mehr. Es ist einfach nicht nötig. Da Ebola ausschließlich durch Körperflüssigkeiten übertragen wird, bietet sich im „normalen“ Leben kaum die Möglichkeit einer Ansteckung. Leider wird das in den deutschen Medien anders dargestellt. Aber zu der medialen Berichterstattung schreibe ich ein anderes Mal mehr.
Die größte Gefahr für das nicht-medizinische NGO-Personal ist es wohl, eine andere Krankheit zu bekommen oder in einen Unfall verwickelt zu werden und ein öffentliches Krankenhaus aufsuchen zu müssen. Alle Krankenhäuser sind überfüllt, es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich auch Ebola-Kranke unter den Patienten befinden, und eine gute Ausstattung gab es natürlich sowieso noch nie. Deshalb wurde es z.B. auch dringend angeraten, während der Ebola-Zeit Malaria-Prophylaxe einzunehmen. Denn Malaria und Ebola haben anfangs sehr ähnliche Symptome. Und ein Ebola-Verdachtsfall kann in einem überfüllten Krankenhaus mit zweifelhaften hygienischen Bedingungen schnell zu einem bestätigten Ebola-Fall werden.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Koordination im Kampf gegen Ebola: Was passiert bei einem „DERC Meeting“?

DERC – das steht für District Ebola Responce Centre und wird von den Communities in Sierra Leone organisiert. Es ist jetzt ca. 1 Monat her, dass ich zum ersten Mal bei einem solchen Meeting dabei war, und zwar im Distrikt Kailahun. Die DERC-Mitglieder treffen sich zu festen Zeiten, je nach Situation im Distrikt täglich oder 3-4 Mal pro Woche. Gewöhnlich dauert ein Meeting 1 Zeitstunde. Ziel ist es, die verschiedenen Säulen der Ebola-Antwort zu koordinieren und Informationen auszutauschen.

Die Säulen der Ebola-Antwort sind dabei wie folgt definiert:

  1.  Management Patienten (Krankenhaus, Isolation und Behandlung)
  2. Management Bestattungen
  3. Management Kontaktpersonen
  4. Logistik: Transport, etc.
  5. Kontrolle und Labore
  6. Social Mobilization/Kommunikation
  7. Mobilisierung von Ressourcen
  8. Psycho-Soziale Unterstützung

Säule für Säule wird dann im Meeting durchgegangen, dabei sind immer die entsprechenden Vertreter der Lokalregierung angesprochen, aber auch Vertreter von verschiedenen UN-Organisationen und NGOs.

Zuerst wurde verlesen, wie viele neue Verdachtsfälle es gab seit dem letzten Meeting, wie viele neue bestätigte Fälle, wie viele Todesfälle und wie viele davon mit Ebola in Zusammenhang stehen und wie viele Personen als geheilt entlassen wurden. In Kailahun repräsentiert die Welthungerhilfe gemeinsam mit anderen Vertretern die Säule 3 –„Managment Kontaktpersonen“. Dahinter verbergen sich die Haushalte in Quarantäne, die also durch Nahrungsmittellieferungen und polizeiliche Ausgangssperre „gemanaged“ werden. Unser Vertreter, den ich an diesem Tag begleitet habe, hat also ein kurzes Update gegeben, wie viele Haushalte zurzeit in Quarantäne sind und wann Nahrunsmittelpakete verteilt werden. Erfreulicherweise war nur ein einziger Haushalt in Quarantäne.

Für mich persönlich war die Teilnahme an einem DERC Meeting äußerst interessant. Es werden viele Informationen ausgetauscht aus erster Hand. Bei diesem Meeting habe ich zum Beispiel Doris vom Ministerium für Soziale Wohlfahrt kennen gelernt, mit der ich ein Interview in einem Auffangstation für Ebola-Waisen geführt habe.

Unterm Strich kann Kailahun als vorbildlich gelten: Im Juni war Kailahun noch ein hot-spot für Ebola, jetzt gab es fast drei Wochen lang keine neuen Fälle. Unter anderem wird die gute Koordination für diesen Erfolg verantwortlich gemacht.

Trotzdem gilt es, aufmerksam zu bleiben. Im Nachbardistrikt Kenema glaubte man vor einigen Wochen auch, Ebola besiegt zu haben. Die Aufmerksamkeit lies nach – und schon gab es neue Fälle.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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