Kategorie-Archiv: organisatorisches

Ebola – Das Interesse der Weltgemeinschaft schwindet

Seit ca. einer Woche ist es bekannt: UNMEER, die United Nations Mission for Ebola Emergency Response, die erste UN Gesundheits-Mission der Geschichte, wird am 30. Juni aufgelöst. Entstanden war UNMEER am 19. September 2014 und es war immer klar, dass es sich um eine zeitlich begrenzte Mission handeln wird. Aber wie das so ist gegen Ende eines Katastropheneinsatzes steht natürlich die Frage im Raum: Was kommt danach?

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Das National Ebola Response Center (NERC) wird mit UNMEER seinen wichtigsten Unterstützer verlieren – auch finanziell. Damit stellt sich die Frage, wie die landesweite Ebola-Response noch koordiniert und aufrechterhalten werden kann. Denn Ebola ist zwar „unter Kontrolle“, aber fast täglich gibt es noch 1-2 neue Fälle. Bis Ende Juni wird Sierra Leone nicht Ebola frei sein, das ist fast sicher. Allein schon die Tatsache, dass 42 Tage ohne neue Erkrankungs-Fälle vergehen müssen, bevor ein Gebiet als Ebola-frei erklärt werden kann, und das nachdem der letzte Patient entlassen wurde oder verstorben ist und das nachdem der letzte Ebola-Tote sicher bestattet wurde oder der letzte entlassene Patient zweimal negativ getestet wurde (Danke an @HaertlG auf twitter), macht das zeitlich unmöglich. NERC wird sich also andere Unterstützer suchen müssen. Aber wen? Und wer wird das Kommando übernehmen? Es gibt viel zu tun in der Rehabilitationsphase, Präventionsmaßnahmen müssen eingeleitet und Hygieneprogramme angestoßen werden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wer die Schlüsselrolle übernehmen könnte, z.B. das Gesundheitsministerium oder aber die Organisation of National Security (ONS). Als Mitarbeiterin einer zivilgesellschaftlichen Organisation hoffe ich, dass das Militär keine Rolle mehr spielen wird.

Hinzu kommt, dass viele Geber im Juni und Juli Stichtage haben für die vertragliche Mittelvergabe. Danach wird es deutlich schwieriger werden für Organisationen wie die Welthungerhilfe, Mittel für die Post-Ebola-Rehabilitation zu akquirieren. Ob es gelingen wird, Ebola dauerhaft aus Sierra Leone zu verbannen, wird auch von der Qualität der Projekte abhängen, die jetzt angestoßen werden.

 

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Trotz Ebola: Schulen öffnen wieder

Seit dem 14. April haben die Schulen in Sierra Leone wieder geöffnet. Zum ersten Mal seit meiner Einreise im November sehe ich haufenweise Kinder in Schuluniformen – grüne, blaue, gelbe – auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit. Landesweit sind es laut Medienberichten 1,7 Millionen – also ca. 35% der Bevölkerung.

Ich habe mich ein bisschen mit meinen nationalen Kollegen unterhalten, die fast alle Eltern sind, um herauszufinden, wie genau der „Ebola-sichere“ Schulbesuch abgewickelt wird. Pro Schule wurden 3 Personen – meist Hilfspersonal wie Reinigungskräfte oder Wächter – darin geschult, die Temperatur zu messen und Chlorlösung für’s Händewaschen fertig zu mischen. Jeden Morgen gibt es also dieselbe Prozedur wie an unserer Büropforte: Thermometer an die Schläfe und Hände unters Wasser.

SchuleGrundschul-Eingang in John Obey.

Wenn ein Kind mit einer erhöhten Temperatur gemessen wird, kommt es in einen speziellen Isolations-Raum zur Beobachtung. Erhärtet sich der Verdacht auf Ebola, wird der Ebola-Notruf 117 gerufen. Bisher kam das allerdings noch nicht vor, was ein sehr gutes Zeichen ist. Ich habe gehört, dass es in Makeni (der Provinzhauptstadt von Bombali) 2 Isolations-Fälle gab, die sich dann allerdings glücklicherweise bald als harmlos herausgestellt haben.

Eigentlich geht das Schuljahr in Sierra Leone von September bis ca. Juni / Juli. In der Regenzeit sind Ferien. Da jetzt aber ca. 2/3 des Schuljahres bereits ausgefallen sind, wurde, zumindest wurde mir das so erzählt, das Schuljahr jetzt verschoben. Es soll von April bis Dezember dauern. Außerdem hat die Regierung verkündet, dass für 2 Jahre die Schulgebühren ausgesetzt werden sollen – als Anreiz, damit wirklich alle Kinder wieder zurück zur Schule gehen. Ich hoffe, diese Entscheidung geht nicht zu Lasten von Zahl oder Höhe der Lehrer-Gehälter oder der Schulausstattung…

Natürlich habe ich meine Kollegen auch gefragt, ob sich ihre Kinder auf die Schule gefreut haben: Alle haben mir ein klares JA geantwortet. Ihren Kindern sei es zuhause wahnsinnig langweilig gewesen. Verständlich, nach fast 8 Monaten zuhause.

Die Welthungerhilfe hat die Wiedereröffnung der Schulen in Freetown mit der Bereitstellung von Handwaschstationen, Chlor und Seife unterstützt.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Ebola und Lassa Fieber

Der Ebola-Ausbruch in Westafrika ist mit Abstand der größte Ebola-Ausbruch, den die Welt je erlebt hat. Viele fragen sich, warum es ausgerechnet in Westafrika zu so einer enormen Verbreitung des Virus kommen konnte. Die Ausbrüche, die es in der Vergangenheit in Ländern wie Uganda oder dem Kongo gab, wurden viel eher unter Kontrolle gebracht. Es gibt sicherlich viele Gründe dafür. Aber einer, der immer wieder als Grund genannt wird, gehört nicht dazu, zumindest nicht wirklich: Es sei der erste Ebola-Ausbruch in Westafrika gewesen.

Es stimmt, Ebola gab es noch nie zuvor in Sierra Leone, Liberia oder Guniea. Aber wofür gerade die Grenzregion zwischen Liberia und Sierra Leone aber als Hotspot bekannt ist, ist ein anderes Virus: Lassa.

Über Lassa wusste ich bis vor kurzen eigentlich gar nichts. Aber zufällig bin ich in dem Buch „Chasing the Devil“ von Tim Butcher auf folgenden Absatz gestoßen:

„Lassa is one of the world’s deadliest diseases and not one to take chances with. It is a viral haemorrhagic fever, similar to ebola, that inflicts a slow and painful death on its victims by destroying blood vessels and causing bodily extremities to swell with excess fluid, like balloons filling with water. In extreme cases blood can gush from nostrils, eye-sockets, ears, even fingernail beds, and victims often die from drowning as their lungs fill with liquid.

What makes lassa so dangerous is that all secreted fluids can carry the virus, so family members, nurses or doctors looking after a victim can easily become contaminated. Entire families can be wiped out and the fatality rate among health workers, especially in the undeveloped world, is often terribly high. When scientists handle the virus in research facilities in the developed world they apply the highest safety standards, known as Biosafety Level 4 (BSL-4), wearing sealed suits inside special laboratories where the air is not just filtered but kept at a pressure lower than atmospheric pressure, so that if there is an accidental leak the air inside the chamber cannot readily leak out. If caught early enough – something that requires sophisticated clinical testing – lassa fever is treatable with antiviral drugs, but by the time it is identified in rural areas in Africa, for example, where testing is limited, it is often so advanced that treatment becomes a battle of fluid levels as medics try to stop the patient from bleeding out while at the same time stopping themselves from becoming infected. Kenema lies in the border area between Sierra Leone and Liberia, a region with the unfortunate distinction of being one of the world’s lassa hotspots. It is most commonly spread by infected rats, through urine trails which they have the unsavoury habit of dripping everywhere as they move.”

Übersetzung:

“Lassa ist eine der tödlichsten Krankheiten der Welt, mit ihr ist nicht zu Spaßen. Es handelt sich um ein virales hämorrhagisches Fieber, genau wie Ebola, das einen langsamen und schmerzhaften Tod zur Folge hat, indem Blutgefäße zerstört werden und die Extremitäten mit Flüssigkeit anschwellen wie Ballons. In extremen Fällen kann Blut aus Nase, Augen, Ohren und sogar Fingernägel-Betten austreten und Opfer sterben häufig durch Ertrinken, weil sich ihre Lungen mit Flüssigkeit füllen.

Was Lassa so gefährlich macht ist, dass alle Körperflüssigkeiten den Virus tragen können. Familienmitglieder, Krankenschwestern oder Ärzte, die einen Patienten versorgen, können sich leicht selbst infizieren. Ganze Familien können ausgelöscht werden und die Todesrate unter Gesundheitsarbeitern, vor allem in Entwicklungsländern, ist schrecklich hoch. Wenn Wissenschaftler das Virus in Forschungseinrichtungen untersuchen, müssen die höchsten Sicherheitsstandards angewandt werden, sie müssen verschlossene Plastikanzüge in speziellen Labors tragen, in denen die Luft nicht einfach nur gefiltert wird, sondern sogar unter Unterdruck steht. Kommt es zu einem Unfall, kann die Luft aus dem Labor nicht einfach ausströmen. Wird Lassa früh genug erkannt – was fortschrittliche Testmethoden erfordert – kann es mit antiviralen Medikamenten behandelt werden. Aber zu dem Zeitpunkt, zu dem es im ländlichen Afrika erkannt wird, zum Beispiel in Regionen mit begrenzten Möglichkeiten für Labortests, ist es meist so Fortgeschritten, das die Behandlung zu einem Kampf von Flüssigkeitsständen wird: Die Ärzte versuchen, den Patienten vom Verbluten zu bewahren, während sie gleichzeitig versuchen, sich nicht selbst anzustecken. Kenema liegt in der Grenzregion von Sierra Leone zu Liberia, eine Region mit dem zweifelhaften Ruf, einer der Lassa-Hotspots der Welt zu sein. Lassa wird normalerweise durch infizierte Ratten verbreitet, durch Urinspuren die leider auf Schritt und Tritt von Ratten hinterlassen werden.“

Das kommt einem doch sehr bekannt vor. Es handelt sich also sowohl bei Lassa, als auch bei Ebola um ein hämorrhagisches Fieber, und beide müssen mit gleichen Sicherheitsstandards behandelt werden. Warum um alles in der Welt war man in Sierra Leone dann nicht besser vorbereitet gewesen? Es hätte dann doch eigentlich schon know-how als auch Equipment für genau solche Viruserkrankungen im Land sein müssen!!! Und das in einer Zeit, in der z.B. der Hyogo Framework for Action (2005-2015) die Welt zu einem Fokus auf Katastrophenvorsorge aufgerufen hat.

Ärzte ohne Grenzen hat vergangene Woche einen Report veröffentlicht und ähnliches angeprangert, allerdings in Bezugnahme auf die letzte große Epidemie, nämlich Cholera in Haiti:

“The Ebola outbreak has often been described as a perfect storm: a cross-border epidemic in countries with weak public health systems that had never seen Ebola before,” said MSF general director Christopher Stokes.

“Yet this is too convenient an explanation. For the Ebola outbreak to spiral this far out of control required many institutions to fail. And they did, with tragic and avoidable consequences.”

The lessons learned by the WHO from the last international pubic health crisis, the cholera outbreak in Haiti that began in 2010 – were simply ignored and not put in place, says the report.“

Übersetzung:

„Der Ebola-Ausbruch wurde häufig als der “perfekte Sturm” beschrieben: eine grenzüberschreitende Epidemie in Ländern mit schwacher Gesundheitsversorgung, die zudem noch nie zuvor mit Ebola zu tun hatten“, sagte der Generaldirektor von MSF Christopher Stokes.

„Aber das ist eine zu bequeme Erklärung. Dass ein Ebola-Ausbruch dermaßen außer Kontrolle gerät, erfordert das Versagen vieler Institutionen. Und genau das ist passiert, mit tragischen und vermeidbaren Konsequenzen.“

Die Lektionen, die die Weltgesundheitsorganisation von der letzten internationalen Gesundheitskrise – dem Cholera-Ausbruch in Haiti 2010 – gelernt hatte, wurden schlicht ignoriert und nicht angewandt, sagt der Report.“

Es ist müßig einen Schuldigen finden zu wollen. Aber was bei Cholera und Lassa offenbar versäumt wurde, sollte bei Ebola nicht wieder versäumt werden: Aus den Fehlern die gemacht wurden zu lernen.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Koordination im Kampf gegen Ebola: Was passiert bei einem „DERC Meeting“?

DERC – das steht für District Ebola Responce Centre und wird von den Communities in Sierra Leone organisiert. Es ist jetzt ca. 1 Monat her, dass ich zum ersten Mal bei einem solchen Meeting dabei war, und zwar im Distrikt Kailahun. Die DERC-Mitglieder treffen sich zu festen Zeiten, je nach Situation im Distrikt täglich oder 3-4 Mal pro Woche. Gewöhnlich dauert ein Meeting 1 Zeitstunde. Ziel ist es, die verschiedenen Säulen der Ebola-Antwort zu koordinieren und Informationen auszutauschen.

Die Säulen der Ebola-Antwort sind dabei wie folgt definiert:

  1.  Management Patienten (Krankenhaus, Isolation und Behandlung)
  2. Management Bestattungen
  3. Management Kontaktpersonen
  4. Logistik: Transport, etc.
  5. Kontrolle und Labore
  6. Social Mobilization/Kommunikation
  7. Mobilisierung von Ressourcen
  8. Psycho-Soziale Unterstützung

Säule für Säule wird dann im Meeting durchgegangen, dabei sind immer die entsprechenden Vertreter der Lokalregierung angesprochen, aber auch Vertreter von verschiedenen UN-Organisationen und NGOs.

Zuerst wurde verlesen, wie viele neue Verdachtsfälle es gab seit dem letzten Meeting, wie viele neue bestätigte Fälle, wie viele Todesfälle und wie viele davon mit Ebola in Zusammenhang stehen und wie viele Personen als geheilt entlassen wurden. In Kailahun repräsentiert die Welthungerhilfe gemeinsam mit anderen Vertretern die Säule 3 –„Managment Kontaktpersonen“. Dahinter verbergen sich die Haushalte in Quarantäne, die also durch Nahrungsmittellieferungen und polizeiliche Ausgangssperre „gemanaged“ werden. Unser Vertreter, den ich an diesem Tag begleitet habe, hat also ein kurzes Update gegeben, wie viele Haushalte zurzeit in Quarantäne sind und wann Nahrunsmittelpakete verteilt werden. Erfreulicherweise war nur ein einziger Haushalt in Quarantäne.

Für mich persönlich war die Teilnahme an einem DERC Meeting äußerst interessant. Es werden viele Informationen ausgetauscht aus erster Hand. Bei diesem Meeting habe ich zum Beispiel Doris vom Ministerium für Soziale Wohlfahrt kennen gelernt, mit der ich ein Interview in einem Auffangstation für Ebola-Waisen geführt habe.

Unterm Strich kann Kailahun als vorbildlich gelten: Im Juni war Kailahun noch ein hot-spot für Ebola, jetzt gab es fast drei Wochen lang keine neuen Fälle. Unter anderem wird die gute Koordination für diesen Erfolg verantwortlich gemacht.

Trotzdem gilt es, aufmerksam zu bleiben. Im Nachbardistrikt Kenema glaubte man vor einigen Wochen auch, Ebola besiegt zu haben. Die Aufmerksamkeit lies nach – und schon gab es neue Fälle.

Julia Broska

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Prävention ist der Schlüssel

Es kommt selten gut an, andere zu kritisieren. Ebola ist eine Ausnahmesituation, praktisch niemand, keine NGO, keine Regierung, war auf so etwas vorbereitet. Alle tun was sie können. Jeder hier ist überarbeitet. Trotzdem komme ich nicht umhin, mich hin und wieder darüber zu ärgern, wohin Gelder fließen.

Ich habe es bereits mehrfach erwähnt: Geld, dass in die Behandlung von Ebola-Patienten fließt, rettet 1 Leben. Geld, das in die Prävention von Ebola fließt, rettet VIELE Leben. Trotzdem geht mehr Geld in die Behandlung, wie diese aktuelle Graphik der UN zeigt: (Hier bitte Bild von unten stehender Website einfügen)

Financial Requests for Ebola Response to UNMEER
Quelle: Financial Requests for Ebola Response to UNMEER

Ein Beispiel, dass mich besonders empört hat, kommt von USAID. In einem „Innovations“-Wettbewerb für neue Ansätze und Ideen in der Ebola-Antwort hat doch tatsächlich ein Projekt gewonnen, das einen neuartigen Schutzanzug für medizinisches Personal entwickelt hat! Bei allem Mitgefühl und aller Bewunderung für Ärzte und Krankenschwestern, die sich am Kampf gegen Ebola beteiligen und dies teilweise mit ihrem Leben bezahlen: Ein neuer Schutzanzug wird Ebola NIE beenden! Das ist ein bisschen wie der Glaube, das Anlegen einer Schwimmweste könnte ein Schiff vom Untergehen bewahren.

Das halte ich für leichtsinnig und generell verfehlt. Ziel muss es sein, die weitere Ansteckung zu 100% zu unterbinden. Mein Freund und Co-Herausgeber dieses Blogs Rene hat mich gefragt, was es denn eigentlich kosten würde, ganz Sierra Leone für drei Wochen unter Quarantäne zu stellen. Schulen und Universitäten sind sowieso geschlossen. Viele Menschen haben ihre Jobs verloren. Warum nicht einfach eine generelle Ausgangssperre für drei Wochen, keiner außer Medizinischem Personal und Polizisten verlässt die Wohnung. Denn in einem Land, wo ein Großteil der Bevölkerung mit weniger als 1.25 US Dollar pro Tag auskommt, sollte eine 21-tägige Ausgangssperre mit gleichzeitiger Vollverpflegung eigentlich nicht so viel kosten. In Sierra Leone leben etwa 6 Millionen Menschen, also sprechen wir von einem Betrag von unter 200 Millionen US Dollar. Investiert wurden bisher 1.9 Billionen US Dollar. Ich denke, einer solchen Intervention steht vor allem die logistische Koordination im Wege, als auch die praktische Implementierung. Es ist kaum möglich, ein ganzes Land von einem Tag auf den anderen unter Bewachung zu stellen. Ich habe zuvor in Nordkorea gearbeitet, mit Überwachung kenne ich mich seitdem etwas aus. Hinzu kämen die Probleme, die uns ja schon bei den wenigen Haushalten begegnen, die die Welthungerhilfe während der Quarantäne begleitet: Trink- und Haushaltswasser, Müllentsorgung, gemeinsame Toiletten für ganze Straßenzüge etc. pp.

Natürlich habe ich auch keine Lösung. Aber ich bin mir in einem sicher: Prävention ist der Schlüssel im Kampf gegen Ebola.

Julia Broska

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Wohin mit den Kindern? – Ein Besuch in einem Interim Childcare Centre

Im Distrikt Kailahun haben wir heute ein Interim Childcare Centre (ICC) besucht. Es handelt sich um ein Gebäude, in dem ursprünglich von Kriegs-Folgen betroffene Kinder untergebracht und betreut wurden. Von Plan International wurde das Gebäude rehabilitiert und wird nun vom Ministerium für Soziale Wohlfahrt betreut. Die Mitarbeiterinnen arbeiten unentgeltlich auf freiwilliger Basis. Im Rahmen des Unterstützungsprogramms für zivilgesellschaftliche Organisationen will die Welthungerhilfe versuchen, die Mitarbeiterinnen zumindest in ein food-for-work Programm zu integrieren.

Onion distribution while ebola outbreak

Anlass unseres Besuchs war folgender: Unsere Essenspakete für Quarantänehaushalte enthalten auch einige wenige verderbliche Lebensmittel, z.B. Zwiebeln. Es ist beim Einkauf immer eine Gratwanderung: Einerseits möchte man für den Notfall startklar sein, andererseits sollen natürlich keine gelagerten Lebensmittel verderben. Da Kailahun Ebola zurzeit gut im Griff hat, kam es zu fast keinen weiteren Quarantänemaßnahmen. Gleichzeitig stapelten sich in unserem Lagerhaus noch 35 Sack Zwiebeln. Also haben wir beschlossen, die Zwiebeln zum ICC zu bringen. Dort können sie noch einem sinnvollen, Ebola-bezogenen Zweck zugeführt werden.

Onion distribution to in Kailahun for the interim care center

Das ICC hat zwei Gebäude: In einem werden Kinder von Quarantänehaushalten und bestätigten Krankheitsfällen untergebracht und 21 Tage lang unter Beobachtung gestellt. Diese Kinder werden von Überlebenden betreut, die nun gegen Ebola immun sind. Im zweiten Gebäude kommen Kinder unter, die ihre Eltern durch Ebola verloren haben, darunter einige Kinder, die selbst Ebola überlebt haben.

Children in Interim care center

Ein Fall ist besonders tragisch: Ein eineinhalb jähriger Junge hat seine Mutter als auch seinen Zwillingsbruder an Ebola verloren. Der Junge selbst hat Ebola überlebt und leidet unter dem Down-Syndrom. Er braucht dringend qualifizierte medizinische Hilfe. Das einzige Krankenhaus, das dafür in Frage kommt, ist allerdings in Freetown, praktisch am anderen Ende von Sierra Leone. Die Mitarbeiter versuchen nun, das Kind irgendwie nach Freetown zu transportieren. Aber wann das passieren wird, ob die Kapazitäten für eine qualifizierte Behandlung tatsächlich vorhanden sind, wer das bezahlen wird und wo der Junge dauerhaft untergebracht werden soll, ist unklar.


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Ebola hinterlässt eine schier unüberschaubare Zahl sozialer Probleme in einem Land, dem es wirtschaftlich gesehen ohnehin nie gut ging. Solche dramatischen Einzelschicksale sind nur die Spitze des Eisbergs.

Julia Broska

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Fälschungen im Ebola-Kampf: Wenn Armut Menschen unehrlich werden lässt

Bei meinem Besuch im DERC Meeting (DERC = District Ebola Response Centre) in Kailahun kommt ein neues Problem auf den Tisch: Das Ministerium für Soziale Wohlfahrt berichtet, dass gefälschte „Entlassungs-Zertifikate“ im Umlauf sind. Diese Zertifikate werden allen Ebola-Überlebenden von den behandelnden Zentren ausgestellt, um Stigmatisierung und Angst in der Nachbarschaft zu verhindern und auch, um den Betroffenen Zugang zu verschaffen zu weiteren Hilfsleistungen. Denn das Ministerium möchte die Überlebenden dabei unterstützen, wieder ein normales Leben zu beginnen. Da fast der gesamte Besitz von Ebola-Infizierten aus Sicherheitsgründen vernichtet wird, stehen die Überlebenden oft im wahrsten Sinne des Wortes vor dem Nichts, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen werden.

In Kailahun ist es nun der Fall, dass Medecins Sans Frontieres (MSF) im von ihnen geleiteten Behandlungszentrum fälschungssichere Zertifikate ausstellen. Einige Patienten aus Kailahun mussten aber nach Kenema in Behandlungszentren, da in Kailahun nicht genug Betten frei waren. Und dort wurden offenbar, so berichtete das Ministerium, Entlassungs-Zertifikate ausgestellt, die leicht kopiert werden können. Um also die unterstützenden Leistungen an Überlebende abzugreifen, haben jetzt Gesunde, die nie Ebola hatten, diese Zertifikate gefälscht.

Diese Information habe ich getwittert, was in der Community einen regelrechten Schlagabtausch ausgelöst hat. Mir wurde vorgeworfen, lieber die „Schuld“ bei der armen Bevölkerung zu suchen, als bei mir selbst, beim Versagen der internationalen NGOs.

Ich persönlich finde die ganze Angelegenheit extrem interessant und sie beleuchtet zahlreiche Facetten. Zum einen stellt sich die Frage, warum die gesunde Bevölkerung sich nicht solidarisch zeigt mit den Überlebenden. Denn faktisch hat das Ministerium jetzt die Verteilung von Übergangshilfe suspendiert. Es muss jetzt Person für Person nochmal mit dem Behandlungszentrum im Nachbardistrikt Kenema abgeklärt werden, ob sie jemals dort behandelt wurde, ja oder nein. Erst nach diesem langwierigen Prozess wird das Ministerium seine Arbeit wieder aufnehmen. Es hat also im Endeffekt niemand was gewonnen, aber die Überlebenden müssen tagelang auf dem Boden schlafen, weil sie nicht mal eine neue Matratze bekommen haben. Wo ist die Solidarität? Sind die Menschen so arm, dass sie darauf keine Rücksicht nehmen? Hat der Bürgerkrieg eine jeder-für-sich-selbst Mentalität gefördert? Schaut man von den „dicken Fischen“ ab, bei denen Korruption zum täglichen Geschäft gehört?

Und wie sind die Vorwürfe auf twitter zu verstehen? Es sollte jedem klar sein, dass es mit den vorhandenen Ressourcen einfach nicht möglich ist, die gesamte Bevölkerung neu auszustaffieren. Sicher, Ebola bietet in gewisser Hinsicht eine Chance für Sierra Leone, das ja schon immer zu den ärmsten Ländern der Welt gehörte, endlich mehr ausländische Hilfe ins Land zu bekommen. Aber nichtsdestotrotz muss die Zielgruppe eingegrenzt werden, und wenn jemand sein gesamtes Hab und Gut aufgrund einer Krankheit verliert, ist es sein Recht, von der Regierung und der Internationalen Gemeinschaft Ersatz zu fordern. Das lässt sich aber nur umsetzen, wenn alle an einem Strang ziehen, die lokale Bevölkerung eingeschlossen.
Ich bin wirklich die Letzte die mit dem Finger auf andere zeigt und nach Schuldigen sucht. Man kann hier nicht Pauschalisieren. Es geschehen so viele Dinge auf einmal, so viele Fehler auf einmal, es gibt so viele kausale Ketten, das jede Fehlentscheidung verdammt schnell zu einem Hindernis im Kampf gegen Ebola werden kann. Das betrifft die Regierung, internationale NGOs und die lokale Bevölkerung gleichermaßen. Ebola kann nur gemeinsam besiegt werden.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Ebola-Überlebende: Gerettet und vergessen?

Mittlerweile wurden mehrere tausend Menschen in Sierra Leone als von Ebola geheilt aus den Behandlungszentren entlassen. Man nennt sie hier „survivors“ – Überlebende. Aber wie geht das Leben weiter für so einen oder eine Überlebende/n?

Die Frau hat Ebola in Sierra Leone ueberlebt und wurde nach ihre Entlassung aus dem Krankenhaus mit Ihrem Ehemann fotographiert
Frau Abie Forna, 35 Jahre alt, hat Ebola in Sierra Leone ueberlebt und wurde nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus mit Ihrem Ehemann fotographiert. By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Bei Entlassung erhalten die Überlebenden ein offizielles Zertifikat, das sie als gesund auszeichnet. Außerdem erhalten sie ein Paket Vitamine und Medikamente, die sie noch ein bisschen aufpäppeln sollen. Zumindest in der Theorie. Ich habe persönlich leider schon Überlebende getroffen, die weder das eine, noch das andere bekommen haben. Außerdem scheinen Überlebende noch sehr schwach zu sein. Ich weiß nicht, wie lange es braucht, bis sie wieder ganz bei Kräften sind und es ist sicherlich auch stark von der persönlichen Konstitution abhängig, Alter, Ernährungszustand, Vorerkrankungen usw. Tatsächlich habe ich sogar gehört, dass für einen gesunden Menschen der schnell medizinische Hilfe bekommt die Überlebenschancen gar nicht so schlecht stehen. Aber da viele der Betroffenen arm sind, in hygienisch bedenklichen Verhältnissen leben und oft schon vorher nicht bei bester Gesundheit waren, hilft leider oft auch schnelle Hilfe nicht.

Hinzu kommt, dass Überlebende oft in sehr schwierige familiäre Verhältnisse zurückkehren. Oft sind weitere Familienangehörige erkrankt oder sogar gestorben, nicht selten auch der Haushaltsvorstand und Hauptverdiener. Die Familien waren außerdem mind. 21 Tage lang in Quarantäne und hatten in Folge dessen vollen Verdienstausfall. Theoretisch sollen auch post-quarantäne Haushalte ein unterstützendes Essenspaket erhalten, aber bisher ist das scheinbar eher punktuell geschehen. Und von einem Essenspaket allein findet man auch keinen neuen Job.

Gemäss der Nichtregierungsorganisation «Médecins sans Frontières» (MSF) haben in Guinea etwa 30 Personen die Infektion mit dem Ebola-Erreger überstanden. Sie versuchen, sich und ihr Schicksal im Hintergrund zu halten. Denn wird ihre Geschichte bekannt, drohen ihnen und ihren Familien Ausgrenzung, Angriffe und Vertreibung.

Kurz gesagt: Die Überlebenden werden auf dem Papier als Helden gefeiert, praktisch aber im Stich gelassen. Von einigen wenigen lokalen NGOs gibt es Initiativen, Überlebende in Aufklärungskampagnen einzubinden, was ich persönlich als sehr gute Initiative begrüße. Rene hatte in einem hier veröffentlichten Interview mit mir die Frage aufgeworfen, ob Überlebende immun sind gegen Ebola. Mittlerweile habe ich die Antwort: JA, sie sind immun! Das heißt es gibt das große Potential, Überlebende in die Krankenpflege einzubinden.

Glücklich diejenigen, die die aggressive und gefährliche Virus-Erkrankung ohne Serum besiegt haben. Unter ihnen sei die Bereitschaft groß, auch anderen zu helfen, so Charbonneau. Das gilt vor allem für Personen, die in irgendeiner Form über einen medizinischen Hintergrund verfügen. „Diese Menschen haben großes Interesse daran, ihr Wissen einzubringen und zu vermitteln. Das ist eine ganz große Chance“, sagt Charbonneau. „Sie könnten zum Beispiel Waisenkindern helfen oder auch Kindern, die noch in Krankenhäusern sind und unter Quarantäne stehen.

Die Welthungerhilfe hat ein erstes Projekt gestartet, das vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert ist und sich unter anderem um die Wiedereingliederung von Überlebenden kümmert. Sie haben es Besseres verdient, als vergessen zu werden.

Julia Broska

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Da liegt ein Ebola-Kranker – und jetzt?

Eine Woche nach meiner Ankunft in Freetown hatte ich die Antwort: Abwarten.

Mit meinen Kollegen Kellie und Shek war ich am Wochenende unterwegs um Quarantäne-Haushalte zu besuchen. Wir waren ca. 30 min unterwegs und hatten gerade den Ort Lakka erreicht, eine Dorfgemeinschaft etwas außerhalb von Freetown. An einer unserer selbst organisierten Straßensperren hat man uns dann auf einen Mann aufmerksam gemacht, der einige Meter entfernt am Straßenrand lag. Der Mann war seit mehreren Tagen zu Fuß unterwegs gewesen. Wo er hinwollte – ich weiß es nicht. Jedenfalls war er infiziert. Er war so geschwächt, dass er nicht mehr alleine aufstehen konnte. Er lag im Häuserschatten, auf der Erde. Er hatte kein Wasser. Er hatte kein Essen. Es gab keinen Arzt. Niemand sprach mit ihm.

Ein Ebolainfizierter aus Lakka liegt am Strassenrand und darf nicht angefasst werden.  By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Dieser Mann braucht Hilfe – aber wie?!.
By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Es ist nicht möglich, sich einem Ebola-Kraken gefahrlos zu nähern. Es gibt keine Möglichkeit, ihm Wasser zu bringen. Es gibt keine Möglichkeit, ihn ins Auto zu packen und zum nächsten Krankenhaus zu fahren. Das einzige was man noch tun kann, ist die kostenlose Ebola Notruf Nummer 117 anzurufen. Die Freiwilligen, die die Straßensperre betreuen, hatten schon angerufen. Keine Reaktion. Kellie greift also sofort zum Handy und wählt.

  1. „Von wo rufen Sie an?“ – eine verständliche Frage.
  2. „Wie ist Ihr Name?“ – Ist das jetzt wichtig?
  3. „Wie ist Ihre Adresse?“,
  4. „Woher wissen Sie von dem Kranken?“ – WTF?!?!

Später höre ich, dass der Mann die ganze Nacht auf der Straße lag und erst am folgenden Tag von der Ebola-Ambulanz abgeholt wurde. Ob er überlebt hat, weiß ich nicht. Ich bezweifle es. Je später die Menschen in medizinische Betreuung kommen, desto schlechter sind die Überlebenschancen.
In Western Area Rural, das ist die Halbinsel, auf der sich Freetown und einige weiter Orte befinden, gibt es 16 Ebola-Ambulanzen. In Freetown allein leben fast 1.000.000 Menschen. Pro Tag gibt es 10-40 bestätigte Neuinfektionen. Selbst wenn man pro Ambulanz nur von 4 transportierten Menschen am Tag ausgeht, stellt sich doch irgendwie die Frage, warum manche Kranke 2-3 Tage warten müssen, bis sie abgeholt werden. Und warum gibt es mit all den Geldern, die bisher flossen, nicht ein paar mehr Ambulanz-Wagen?

Der Deutsche Geograph Jürgen Schönstein bringt es in seinem lesenswerten Blogartikel wie folgt auf den Punkt:

Denn was nützt es den Dorfbewohnern in Guinea oder Sierra Leone, wenn Patientinnen und Patienten in Großstadtkliniken behandelbar sind? Die Existenz von Kliniken allein genügt nicht – man muss auch aufgenommen werden.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Quarantäne nach Ebola-Fall: 21 Tage Gefängnis im Eigenheim

Haushalte, die einen bestätigten Ebola-Fall zu verzeichnen haben, dürfen 21 Tage lang nicht ihr Haus verlassen. So lange ist die Inkubationszeit von Ebola. Erst, wenn nach 21 Tagen keine weiteren Haushaltsmitglieder krank geworden sind, können alle aufatmen.

Ich möchte, dass Du Dir das vorstellst. 21 Tage lang im Haus. Tag und Nacht. Mit der ganzen Familie, meist auf engem Raum. Das Haus wird mit einem roten Band markiert, diese Linie darf niemand übertreten, weder von der einen, noch von der anderen Seite.

Frau die 21 Tage in Haushaltsquarantaene leben muss, nachdem sich ein Mitbewohner mit Ebola infiziert hat. By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Frau die 21 Tage in Haushaltsquarantaene leben muss, nachdem sich ein Mitbewohner mit Ebola infiziert hat.
By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
  • Was isst Du?
  • Was trinkst Du?
  • Wie kaufst Du Kaffee, Zigaretten, Telefonkarten?
  • Wo holst Du Wasser zum Wäsche waschen?
  • Wo bekommst Du Holzkohle zum Kochen?
  • Und vor allem – Wie kannst Du Deinen Lebensunterhalt verdienen?

Am Anfang der Ebola-Epidemie war es die Regierungsstrategie, ganze Dörfer unter Quarantäne zu stellen.

Auch die Regierungen sind aktiv geworden. Mit Hilfe des Militärs und der Polizei werden Sicherheitsbestimmungen durchgesetzt. Die Zentren der Epidemie, auch ganze Städte, in Sierra Leone zum Beispiel Kenema und Kailahun, wurden abgeriegelt. Verlassen und Betreten der unter Quarantäne gestellten Orte ist nicht möglich. Angehörige, die Kontakt mit Infizierten hatten, werden unter Hausarrest gestellt.

Die Dörfer wurden nach außen hin komplett abgeriegelt, die Dorfbewohner konnten sich aber innerhalb des Dorfes frei bewegen. Das Ergebnis: Eine extrem hohe Infektionsrate innerhalb ganzer Dorfgemeinschaften. Ein einziger Ebolafall konnte den Tod von zweistelligen Prozentzahlen der Dorfbevölkerung nach sich ziehen. Siehe ZDF Video:

Kinder
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2282232/Ebola:-Ein-ganzes-Dorf-in-Quarant%C3%A4ne
. (Bild via zdf.de)

Die Welthungerhilfe hat von Anfang an dagegen gehalten und für Haushalts-Quarantäne geworben. Der Vorteil: Die kleine Gruppe von tatsächlichen Kontaktpersonen kann nicht das ganze Dorf anstecken. Der Nachteil: Es ist sehr viel aufwändiger, einzelne Haushalte zu identifizieren und abzuriegeln, als einfach die Zufahrt zu einem ganzen Dorf zu versperren. Trotzdem, anders geht es nicht.

Wir bringen den Familien in Quarantäne jede Woche ein Paket mit Essen, Trinkwasser und Hygieneprodukten. Was sonst benötigt wird, müssen Nachbarn beschaffen, die wesentlich Anteil haben am erfolgreichen gelingen der Quarantäne. Geld und Waren werden auf die rote Linie gelegt, die Menschen treten 3 m von der Linie zurück, dann übernimmt der jeweils andere Part. Manchmal frage ich mich, wie das eigentlich in Deutschland wäre. Amazon würde wahrscheinlich das Geschäft des Jahrtausends machen…

Aber Menschen brauchen mehr zu Leben als nur Nahrung und Wasser. Menschen sind soziale Wesen. Menschen brauchen Aufgaben, Beschäftigung. Menschen brauchen Trost nach dem Verlust naher Angehöriger. Eine Perspektive. Hoffnung.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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