Kategorie-Archiv: ethisches

Gefängnis für Sex? – Kriminalisierung von Ebola-Überlebenden

Ebola-Überlebende haben ein Problem: Noch mindestens drei Monate, nachdem sie als geheilt entlassen wurden, können in Spermien oder Vaginalflüssigkeiten Ebola-Viren enthalten sein. Damit werden sie zur Gefahr für den Erfolg im Kampf gegen Ebola und können jederzeit ein Wiederaufflackern der Epidemie verursachen, obwohl man das Virus schon für besiegt hielt. Es war in der Diskussion, ob der einzelne Fall, der in Liberia nach 28 Tagen ohne Fälle aufgetreten ist, durch Sex mit einem Überlebenden verursacht worden war. Es scheint aber, dass dies nun ausgeschlossen wurde. Wie dem auch immer sei, Überlebende stellen sozusagen eine reale Gefahr da.

Trotzdem ist aus meiner Sicht die Haltung der Regierung zu diesem Thema verfehlt. Auf der Titelseite der Tageszeitung Awareness Times war vergangene Woche zu lesen, dass „Überlebende gewarnt werden, auf Sex zu verzichten.“ Diese Botschaft kam vom Präsidenten höchst persönlich. Im Text hieß es dann, dass hart durchgegriffen werden, sollte bekannt werden, dass ein Überlebender einen neuen Ebola-Fall verursacht hat. Und soweit ich weiß wurde mind. 1 Person bereits zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, da sie eine Sex-Arbeiterin infiziert hatte.

Ernest Bai Koroma warnt Überlebende vor frühzeitigem Sex.
Ernest Bai Koroma warnt Überlebende vor frühzeitigem Sex.

Aus meiner persönlichen Sicht ist das der falsche Ansatz. Zum einen halte ich es für unrealistisch, dass Überlebende drei Monate auf Sex verzichten. Mein Eindruck ist, dass mindestens zwei Dinge dem entgegenstehen: 1. Der Hang dazu, Gefahren zu verleugnen oder zu ignorieren. So wurde ja lange Ebola für ein Gerücht gehalten und was ich von meinen nationalen Kollegen so gehört habe, hält man auch HIV gerne für ganz weit weg vom eigenen Leben. 2. Sex wird hier, so mein Eindruck, als essentielles „Recht“ wahrgenommen. Ist ja in Deutschland nicht anders. Das ist eine gefährliche Kombination in Zeiten von Ebola.

Hinzu kommt, dass sicherlich keine Ehefrau ihren Mann „verpetzen“ wird, wenn er dafür 1 Jahr in den Knast wandern muss! Falls die Betroffene eine Sex-Arbeiterin ist, gut, dann kann ich mir das noch vorstellen. Aber die eigene Ehefrau hat sicherlich kein Interesse daran, ihren Mann, der gerade eine schwere Krankheit überlebt hat und potentiell wesentlich zum Einkommen der Familie beiträgt, ans Gefängnis zu verlieren oder z.B. auch eine Geldstrafe in Kauf zu nehmen. Soll heißen, Bestrafung für Sex halte ich für nicht praktikabel. Wie um alles in der Welt will man beweisen, dass ein Virus durch Sex übertragen wurde, wenn es die Betroffenen abstreiten?

Ich denke, es wäre sinnvoller, massenhaft Kondome zu verteilen UND zu erklären, wie man sie benutzen muss. Am besten in Bildern. Solches Informationsmaterial gibt es ja bereits zu hauf. Sicher, man kann jetzt einwenden, dass die Akzeptanz von Kondomen in den meisten afrikanischen Gesellschaften, so auch in Sierra Leone, ausgesprochen niedrig ist. Aber der Druck, der durch Ebola ausgeübt wird, wäre vielleicht sogar ein genialer Zeitpunkt, um eben diese Akzeptanz zu erhöhen. Denn einem Überlebenden sieht man natürlich nicht an, ob und wann er die Krankheit hatte. In jedem Fall denke ich, die Menschen müssen stärker mobilisiert werden, die Betroffenen als Handelnde, nicht als Opfer verstanden werden. Es ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll, drastische Maßnahmen von oben zu verordnen. Stattdessen sollte die Zustimmung und aktive Unterstützung der Bevölkerung gewonnen werden. Aber was verstehe ich schon von Politik…

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Ebola und Menschen mit Behinderungen

Über dieses Thema hatte ich lange selbst nicht nachgedacht. Ich kenne mich auch nicht aus auf dem Gebiet der Betreuung von Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen. Trotzdem möchte ich von zwei interessanten Ereignissen berichten, über die ich zufällig gestolpert bin.

Im Fernsehen habe ich gesehen, dass eine lokale Vereinigung von Blinden und Sehbehinderten ein Informationsblatt zu Ebola in Blindenschrift herausgebracht hat. Denn auch wenn mittlerweile viele Informationen als gute Handzeichnungen zur Verfügung stehen, so dass auch Menschen erreicht werden, die nicht lesen können, hilft das Blinden natürlich herzlich wenig. Und die Ansteckungsgefahr ist für sie ja sehr real, denn sie sind oft auf Körperkontakt angewiesen, z.B. wenn sie einen Blindenführer in Anspruch nehmen. Dieses gilt generell für viele Menschen mit Behinderungen: Viele brauchen Assistenz um ihren Alltag zu bewältigen, und diese Assistenz umfasst oft auch Körperkontakt, z.B. Hilfe beim Anziehen, Toilettengang, Essen etc. Hier sind Menschen mit entsprechenden Behinderungen also klar gefährdet.

Thomas Alieu, Executive Director of the Educational Centre for the Blind and Visually Impaired in Sierra Leone, sagt:

„The visually impaired people were feeling very vulnerable in the fight against Ebola, and there was a real sense of loneliness. This was primarily because in the Ebola outbreak, people are encouraged not to touch each other, but for the visually impaired, this makes it very difficult to go about in daily life.“

Übersetzung: „Die Sehbehinderten haben sich im Kampf gegen Ebola sehr verletzlich und einsam gefühlt. Der Hauptgrund war, dass Menschen sich nicht berühren sollten während der Ebola-Krise, aber für Sehbehinderte ist das sehr schwierig im Alltag.“

(Quelle: http://www.actionaid.org/india/shared/challenges-faced-visually-impaired-fighting-ebola-sierra-leone)

Ein lokales Heim für Polio-Kranke hat mich angeschrieben und darum gebeten, dass die Welthungerhilfe das Heim mit Nahrung versorgt. Durch die Ebola-Krise sei das Hilfspersonal auf ein Minimum beschränkt worden und man versuche wo es ginge Kontakt zur Außenwelt zu vermeiden, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Daher wäre es hilfreich, wenn auf den Einkauf auf dem Markt verzichtet werden könnte.

Für mich ist aber spätestens jetzt klar geworden, dass sich für Betroffene oft ganz andere Probleme stellen als für den Rest der Bevölkerung und dass vor allem die oft eingeschränkte Mobilität zahlreiche Probleme mit sich bringt. Menschen mit Behinderungen sollten auf jeden Fall besondere Aufmerksamkeit erfahren bei der Implementierung von Projekten, sei es nun Nothilfe wie im Fall von Ebola, oder seien es langfristige Entwicklungsprojekte. Jeder sollte teilhaben können.

Für mehr Infos empfehle ich diese Website:
http://www.handicap-international.us/ensuring

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Die Angst vor der Rückkehr aus Ebola Gebieten nach Europa / Deutschland

Es mag noch weit in der Zukunft liegen, aber trotzdem kommt der Gedanke hin und wieder auf:

  • Wie werden Freunde und Familie reagieren, wenn ich zurück komme?
  • Wird man mich meiden?
  • Ausreden vorschützen, um mich nicht treffen zu müssen?
  • Wird meine Familie heimlich die Tage abzählen, von 21 runter, und mich erst dann willkommen heißen?
  • Und wie ist meine eigene Position dazu?
  • Bin ich ein Risiko?
  • Sollte ich Kontakt zu Kindern vermeiden, um sie nicht zu gefährden?
  • Sollte ich mich etwa 21 Tage lang selbst in Quarantäne setzen???

Schon vor meiner Abreise gab es einen schönen Artikel dazu auf zeit.de. Die Reaktionen scheinen also gemischt zu sein, und auf ähnliches bereite ich mich auch in meinem Bekanntenkreis vor. Eigentlich hatte ich für März geplant, ein Yoga-Retreat zu besuchen. Aber kann ich das jetzt überhaupt machen? Kann ich das verantworten? Körperkontakt, und zwar auch nach schweißtreibenden Übungen, wird da nicht ausbleiben. Sollte ich verschweigen, wo ich arbeite? Etwa lügen?

Ich sage es ehrlich heraus: Ich habe mich noch nicht entschieden. Manch einer mag mich für einen schlechten Menschen halten und mir vorwerfen, dass ich bereit bin, andere zu gefährden. Aber dagegen sprechen die Fakten: Erst wenn Krankheitssymptome da sind, ist ein Infizierter auch ansteckend. Wenn man sich selbst einem genauen Monitoring unterzieht, seine Temperatur misst und auch auf andere Symptome achtet, besteht praktisch keine Gefahr für das Umfeld.

Trotzdem, Zweifel bleiben. Wie verhalte ich mich verantwortungsvoll und erspare mir gleichzeitig einen Jahresurlaub in Quarantäne?

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Ebola Opfer sicher und würdevoll bestatten

Viel hört man dieser Tage in Sierra Leone von sogenannten „sicheren und würdevollen“ Bestattungen für Ebola-Opfer. Aber was genau verbirgt sich dahinter?

Zunächst einmal: Wie laufen Beerdigungen eigentlich normalerweise in Sierra Leone ab? Das ist natürlich je nach Religionszugehörigkeit unterschiedlich. Die Mehrzahl der Menschen gehört dem Islam an, die zweitgrößte Gruppe bilden Christen. Gemeinsam ist aber allen, dass die Verabschiedung von Verstorbenen im Familienkreis geschieht und das Waschen des Toten vorsieht. Dieses Waschen wird als wesentlicher Bestandteil einer würdevollen Bestattung wahrgenommen.

Zu Beginn der Ebola-Krise stellte man die Sicherheit radikal über die Befindlichkeiten der lokalen Bevölkerung. Starben Ebola-Kranke in Behandlungszentren, wurden sie direkt zwei Lagen Plastik verpackt und beerdigt – die Familie wurde telefonisch informiert, nachdem alles schon passiert war. Die Angehörigen hatten keine Chance mehr, ihre Lieben zu sehen. Eine traumatische Erfahrung.

Mittlerweile hat man hier nachgebessert. Vor allem IFRC hat das Konzept der „sicheren und würdevollen“ Bestattung entwickelt und führt diese Bestattungen in weiten Teilen des Landes durch. Stirbt ein Patient oder wird er tot vorgefunden, wird er, es geht leider nicht anders, ebenfalls in zwei Lagen Plastik verpackt. Dann aber findet eine Bestattung statt, bei der ein Priester / Iman und die Angehörigen anwesend sein dürfen. Sie müssen einen Sicherheitsabstand von 5m einhalten und sehen den Angehörigen auch nur, nachdem er schon verpackt wurde. Aber immerhin sind sie dabei, wenn er vergraben wird. Gemeinsam für Afrika schreibt dazu folgendes:

Noch vor ein paar Monaten kam es in Sierra Leone bei solchen Gelegenheiten zu chaotischen Szenen. Viele Verwandte wollten ihre Ebola-Toten nicht einfach in Plastiksäcke stecken und wegbringen lassen. Immer wieder kam die Polizei mit Tränengas. Inzwischen zeigt die flächendeckende Aufklärungsarbeit über Ebola via Radio, Straßentheater, Haus-zu-Haus-Besuchen und Plakatkampagnen mehr und mehr Wirkung. Die Menschen sind zunehmend bereit, sich helfen zu lassen. Hilfsangebote wie die Trauerhelfer geben ihnen die Möglichkeit, an ihre Traditionen anzuknüpfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Informationen über das Angebot werden unter anderem über die Distriktverwaltungen und deren Gesundheitsteams verbreitet.

Trotzdem gehen die Meinungen auseinander, ob es sich hier um eine „würdevolle“ Bestattung handelt. Es herrscht ein großer sozialer Druck in den Gemeinden: Wenn eine Ehefrau ihren verstorbenen Gatten oder ihre verstorbenen Kinder nicht lautstark betrauert, sie umarmt und wäscht, dann wird schlecht über sie geredet. Trauer muss öffentlich zelebriert werden, möchte man nicht seinen Ruf als treusorgendes Familienmitglied verlieren.

Solche tief sitzenden Verhaltensweisen lassen sich einfach nicht von heute auf morgen ändern, auch wenn man noch so lange an die Vernunft der Menschen appelliert. Mittlerweile hat sogar der Präsident des Landes per Fernseh-Ansprache dazu aufgerufen, die Traditionen ruhen zu lassen und erst nach der Ebola-Epidemie wieder in den Alltag zu integrieren. Leider kommen mir trotzdem auf nahezu täglicher Basis Fälle zu Ohren, in denen Tote gewaschen wurden.

Dieser Artikel ist auch auf Englisch verfügbar

Julia Broska

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Ebola zieht Teenager Schwangerschaften in Port Loko District – Sierra Leone – hinter sich her

Am Freitag las sich das Cover der Standard Times, einer Sierra Leonischen Tageszeitung, folgendermaßen: „Teenage pregnancy ruins Port Loko district“. Auf Deutsch: Teenager-Schwangerschaften ruinieren den Distrikt Port Loko. Klingt erst mal nicht so, als hätte es irgendwas mit Ebola zu tun. Aber zu meinem Entsetzen musste ich folgendes lesen (frei übersetzt aus dem Zeitungsartikel):

„Es ist eine Tatsache, dass der Ebola-Ausbruch in Sierra Leone nicht nur die sozio-ökomische Struktur unserer Ortschaften ruiniert, sondern auch Mädchen in ländlichen Gemeinden in eine Umgebung gebracht hat, die Kinderrechtsverletzungen und Missbrauch fördert. In einem Dorf in Port Loko sind mehr als 80% der minderjährigen, jugendlichen Mädchen, die aufgrund der Ebola-Epidemie nicht mehr zur Schule gehen, geschwängert worden.“

original Zeitungsartikel ueber teenager Schwangerschaft
Durch anklicken des Fotos, kann der original Zeitungsartikel in groß gesehen werden.

Weiter im Artikel ist zu lesen, dass fast alle Mädchen des Dorfes von Kollegen, Bauern und Händlern sexuell missbraucht wurden. Dies geschah scheinbar teilweise mit Einverständnis der Eltern, die auf die Hilfe von Männern angewiesen sind, um die Felder zu bestellen. Laut Artikel wird Bildung für Mädchen nicht hoch geachtet und die Eltern versuchen die Feldarbeiter durch ihre Töchter an den Betrieb zu binden.

Ich muss ehrlich sagen, dass mich dieser Artikel ziemlich geschockt hat. Ich hatte schon darüber nachgedacht, wie hoch wohl der volkswirtschaftliche Schaden sein mag, da seit Monaten Schulen und Universitäten gleichermaßen geschlossen sind. Aber nie war mir in den Sinn gekommen, dass Ebola einen rasanten Anstieg von Kindesmissbrauch nach sich ziehen könnte. Alle Kinder müssen zu hause bleiben. Sie haben keine Beschäftigung. Eltern und Verwandte müssen sich natürlich weiterhin um den Lebensunterhalt kümmern und so bleiben Kinder oft ohne Aufsicht oder Schutz. Seit einiger Zeit gibt es immerhin einen Schulunterrichts-Radiosender.

Eines ist klar: Ebola wird enorme Langzeitfolgen für Liberia und Sierra Leone haben. Ich glaube, das Ausmaß ist im Moment noch nicht abzusehen. Die Welthungerhilfe hat bereits eine Studie zu den nicht-medizinischen Folgen der Ebola-Epidemie veröffentlicht, sich dabei aber hauptsächlich auf wirtschaftliche Themen, speziell Ernährungssicherung, konzentriert. Dieser wurdebereits von der Tagesschau in einem Kommentar aufgegriffen. Die sozialen Folgen sind aus meiner Sicht momentan unüberschaubar, sollten aber nicht vernachlaessigt werden.

Dieser Artikel ist auch in Englisch verfügbar.

Julia Broska

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Ebolafieber besiegt das Weihnachtsfieber von Sierra Leone

20% der Sierra Leoner sind Christen. Der erste und zweite Weihnachtstag sind Feiertage und traditionell reist das gesamte Land in Provinzen über Weihnachten um die Verwandtschaft zu besuchen. Die Menschen sammeln sich auf der Straße und an den Stränden, um gemeinsam zu feiern. Zumindest haben mir das meine Kollegen so erzählt. Denn dieses Jahr ist alles anders. Man könnte sagen: Weihnachten fällt aus.

Die Strände, an denen die Menschen sonst immer am zweiten Weihnachtstag zu fröhlichen Partys zusammenströmten, seien geschlossen. „Und wir haben wunderschöne Strände“, bedauert James-DeKam. Die Regierung hat öffentliche Feiern untersagt. Und sie hat angekündigt, Soldaten auf die Straßen zu schicken, damit das Verbot eingehalten wird.

Der öffentliche Fernverkehr operiert praktisch nicht mehr. Ohne Sondergenehmigung ist es unmöglich, weite Strecken zu verreisen, denn nach 17 Uhr werden keine privaten Autos mehr durch die zahlreichen Straßensperren gelassen. Überlandreisen werden so schwierig bis unmöglich. Zudem wurde die Bevölkerung dazu aufgerufen, keine Gäste ins Haus zu lassen. Die Regierung hat Angst, dass Menschenansammlungen, insbesondere nach Einbruch der Dunkeheit, zu einer noch erhöhten Ansteckungsgefahr führen könnten – und das will man natürlich um jeden Preis verhindern, zumal an Weihnachten. Die Auswirkungen einer solchen Ausganssperre kann hat Kamanda, Mitglied des internationalen Jugendbeirats von Plan aus Sierra Leone beschrieben:

Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es ist, den ganzen Tag zu Hause sitzen (oder liegen) zu bleiben, ohne nach draußen gehen zu dürfen, ohne in der Gemeinde zu laufen. Es war, als hätten wir drei Tage im Gefängnis gesessen. Aber es war eine richtige Entscheidung, um die Menschen vor Ebola besser zu schützen.

Ein Kollege hat mich am vergangenen Sonntag in den Gottesdienst mitgenommen. Ich bin nicht religiös, aber aus Interesse an der lokalen Kultur bin ich mit gekommen. Am Ende gab es die Ankündigung, dass der nächtliche Gottesdienst am Weihnachtsabend ausfällt und stattdessen am darauf folgenden Morgen stattfindet. Der nächtliche Gottesdienst wird aber im Radio übertragen, und der Priester hat dazu aufgerufen, einen gemeinsamen Gottesdienst zu zelebrieren, jeder von den eigenen vier Wänden aus. Man tut was man kann. Und hofft auf bessere Zeiten im nächsten Jahr.

Für uns im Büro war sowieso klar, dass Weihnachten diese Jahr ausfällt: Wir ertrinken in Arbeit. Und da Ebola offensichtlich auch nicht an Feiertagen Pause macht, müssen wir durcharbeiten. Auch an den Weihnachtstagen werden Haushalte unter Quarantäne gestellt, auch an den Weihnachtstagen müssen Essenspakete ausgeliefert werden.

Julia Broska

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Helfen wir an Ebola erkrankten Menschen oder den Gesunden?

Mit einem meiner Kollegen hatte ich kürzlich eine interessante Diskussion: Wer ist eigentlich die Zielgruppe unserer Intervention? Natürlich denkt man zuerst an die Kranken. Die Kranken müssen behandelt werden und wenn möglich geheilt. Man denkt an die Familien, die sich in Quarantäne befinden und täglich bangen, ob sich Anzeichen einer Ansteckung zeigen. In diese Scharte schlägt auch das Time Magazine, wenn es das „Medizinische Personal im Kampf gegen Ebola“ zu Persönlichkeiten des Jahres kürt. Im Nachsatz werden auch alle anderen Helfer genannt, aber das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass das medizinische Personal im Vordergrund steht. Zu Recht vielleicht – denn natürlich sind sie es, die einem echten, ernsten Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind.

Andererseits zählt Sierra Leone zum jetzigen Zeitpunkt etwas weniger als 7000 bestätigte Infektionen. Bei einer Gesamtbevölkerung von um die 5 Millionen. Eine Zielgruppe von 7000 Personen kann man als überschaubar bezeichnen. Aber leider ist faktisch das Gegenteil der Fall: Die 4.993.000 Sierra-Leoner, die sich bisher noch nicht infiziert haben, sind unsere Zielgruppe. Die Gesunden vor einer Ansteckung zu schützen, ist das Ziel. Und das ist nicht die Aufgabe von Ärzten und Krankenschwestern, hier sind ganz andere Dinge gefragt:

  • Aufmerksamkeit erzeugen,
  • Aufklärung,
  • Verhaltensweisen ändern,
  • Koordination und Logistik.

Prävention heißt das Stichwort, so wie es die Regierung vor Ort probiert zum Beispiel mit folgendem Werbeplakat probiert:

Stoppt Ebola Kampagne der Regierung aus Sierra Leone. von User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Aber natürlich ist es wesentlich weniger spannend für die breite Öffentlichkeit, mit einem Handzettel von Haus zu Haus zu tingeln als im Astronauten-Anzug kranke und leidende Menschen zu versorgen. Geldgeber investieren auch lieber in HIV-Medikamente als Kondome zu verteilen. Der Homepage der Gatesfoundation entnehmen wir:

Unsere größte Investition gilt der Erforschung und Entwicklung eines HIV-Impfstoffs.

Ohne genaue Zahlen zu kennen, ist mein Eindruck vor Ort bisher folgender: Sowohl Geldgeber als auch UN und NGOs haben sich mehrheitlich auf den medizinischen Sektor gestürzt. Es werden Behandlungszentren aus dem Boden gestampft, in Impfstoff- und Medikamenten-Forschung investiert, Ärzte aus dem Ausland rekrutiert. Das deckt sich auch mit der UN-Mission für Ebola-Notfallmaßnahmen (UNMEER) (UN Resolution 2177 des UN Sicherheitsrates)

Die Hauptaufgabe ist vor allem die logistische Verteilung von Krankenstationen, Fahrzeugen und Telekommunikationsausrüstung in den am stärksten betroffenen Ländern.

Diese Aktivitäten fressen meiner Meinung nach Millionen. Und ändern nichts daran, dass die Überlebenschancen der 7000 Infizierten gering sind und weitestgehend dem Zufall unterliegen, bzw. stark vom allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten abhängen. Ganz abgesehen davon, dass praktisch all diese Aktivitäten dermaßen langsam ablaufen, dass es für einen echten Impact in der aktuellen Krise eigentlich zeitlich sowieso nicht mehr reichen kann.

Was viel, viel zu wenig passiert ist social mobilization, flächendeckend und gut organisiert. Die Menschen müssen aufwachen. Soziale Kontrolle ist nötig. Bestimmte Verhaltensweisen müssen aufhören. Jeder einzelne Sierra Leoner, der einen Nachbarn oder Freund überredet NICHT zu einer Beerdigung zu gehen, ist ein Held. Jede, die einen Besucher nicht in ihr Haus lässt, ist eine Heldin. Jeder, der auch zu einem engen Freund Körperkontakt vermeidet, ist ein Held.

So vieles erinnert an die HIV-Epidemie in z.B. Südafrika. Dort habe ich Menschen sagen hören: „Unsere Traditionen sind älter als HIV. Wir werden unser Verhalten nicht ändern.“ Aber leider können neue Infektionskrankheiten die „Träger“ von Traditionen ausrotten. Der umgekehrte Fall dürfte weitaus seltener sein.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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