Kategorie-Archiv: Deutsch

Ist die Ebola Epidemie in Sierra Leone zu Ende?

Leider noch nicht. Lange habe ich nicht gebloggt, denn die Ebola-Epidemie in Sierra Leone ist seit langem mehr oder weniger auf demselben Level: Eine stetig rückläufige Zahl an Neuinfektionen. Aber trotz aller Interventionen ist es auch nach 1 Jahr und nun fast 4 Monaten nicht geglückt, Ebola gänzlich zu besiegen.

Am 24. August wurde die letzte Ebola-Patientin, Adama Sankoh, als geheilt entlassen. Dies sorgte für allgemeine Begeisterung und Medienpräsenz.

Der Countdown konnte beginnen, und die gesamte Nation begann, die 42 Tage runterzuzählen, bis Sierra Leone endlich Ebola-frei erklärt werden kann. Leider war das Glück von kurzer Dauer: Nicht mal eine Woche später, am 29. August, gab es bereits den nächsten neuen Fall, im Distrikt Kambia, im Norden des Landes an der Grenze zu Guinea. Dieser Fall hat mittlerweile mind. 1 weitere Ansteckungen nach sich gezogen (am 5. September), so dass sich zum heutigen Tag 20 Personen in sogenannten „Holding Centren“ als Hochrisiko-Kontakte befinden und sage und schreibe 973 Kontaktpersonen unter Beobachtung stehen.

Liberia hingegen wurde am 3. September zum zweiten Mal Ebola-frei erklärt, nachdem der letzte Patient am 22. Juli negativ getestet wurde. Liberia befindet sich nun in einer 90-tägigen Phase „erhöhter Wachsamkeit“.

Entsprechend ist es auch in meinem Arbeitsumfeld ruhiger geworden. Wir konzentrieren uns darauf, die vergangenen Monate „aufzuräumen“, Aktivitäten in der direkten Ebola-Antwort runter zu fahren und den Blick auf die nun ganz offensichtlich im Raum stehende Frage zu richten: Wie kann man verhindern, dass sich eine solche Epidemie wieder holt? Zum einen speziell in Sierra Leone: Wie kann man das Gesundheitssystem derart stärken, die Bevölkerung informieren und die Hygienesituation landesweit verbessern, dass die Menschen weder Ebola, noch Lassa-Fieber oder Cholera praktisch schutzlos ausgeliefert sind? Zum anderen auch allgemeiner: Was sind die lessons learnt, wie kann man einen dermaßen langanhaltenden und großflächigen Ausbruch von Ebola irgendwo auf der Welt in Zukunft verhindern? Welche Strukturen sind nötig, um Ebola im Keim zu ersticken? Diese Antworten müssen jetzt all jene finden, die in den letzten Monaten am Kampf gegen die Epidemie beteiligt waren, unter anderem auch die Welthungerhilfe. Unser Engagement in Sierra Leone geht natürlich weiter, auch wenn endlich der ersehnte „Freispruch“ der WHO kommt.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Neue Ebola-Fälle in Liberia

Sierra Leone ist leider nicht das einzige Land, in dem die Ebola-Fälle wieder zunehmen: Liberia hat am 29. Juni einen neuen Fall von Ebola bestätigt, der erste seit dem 20. März! Medienberichten zufolge handelt es sich um einen 17-jährigen Jungen, der am Vortag gestorben war und erst beim Routinetest nach seinem Tod positiv auf Ebola getestet wurde. Dies kam völlig unerwartet, entsprechend hoch ist die Liste der Kontaktpersonen. Die Zahl der bestätigten Fälle ist mittlerweile auf 7 angestiegen. Mehr als 100 Personen sind in Quarantäne.

Immer noch rätselhaft ist, wie sich Ebola für mehr als drei Monate „verstecken“ konnte. Die Ansteckungskette bleibt mysteriös. Laut WHO könnte es sich um sexuelle Übertragung handeln. Da es sich erst nach dem Tod des Jungen herausgestellt hat, dass er an Ebola gestorben ist, ist es nun schwierig, die Ansteckungskette zu rekonstruieren. Um der Sache auf den Grund zu gehen hat die WHO eine genetische Sequenzierung des Virus, der den Jugendlichen getötet hat, vorgenommen. Es hat sich herausgestellt, dass es sich um eine Linie des Virus handelt, die Ende vergangenen Jahres in Liberia auftrat. Es handelt sich also sehr wahrscheinlich nicht um eine Ansteckung über einen Reisenden aus Sierra Leone oder Guinea. Die einzigen plausiblen Möglichkeiten scheinen eine Ansteckung über asymptomatische Ebola-Überträger oder über einen „Survivor“ zu sein.

Wenn ich das alles so bedenke, fühle ich mich veranlasst ein „Tabu“ in West Afrika anzusprechen: Es ist meines Wissens nicht ganz geklärt, ob weibliche Ebola-Überlebende den Virus übertragen können, somit war man davon ausgegangen, dass Männer mehr oder weniger auf der „sicheren Seite“ sind. Aber was ist mit homosexuellen Männern? Sie sind wahrscheinlich dem größten Risiko ausgesetzt, wie z.B. auch bei HIV (bedingt u.a. durch höheres Verletzungsrisiko). Ich habe dazu bisher keine öffentliche Diskussion gehört. Die wenigen Kollegen die ich gut genug kenne um sie nach ihrer Einstellung zu Homosexualität zu fragen, sahen gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung mehr als eine behandelbare Krankheit an und definitiv als „falsch“. Homosexuelle Männer als Ebola-Risiko-Gruppe anzusprechen ist also schwierig – aber auch dringend benötigt aus meiner Sicht. Reuters berichtete folgendes:

„Im Mai hat der Erzbischof Lewis Zeigler der Katholischen Kirche Liberia gesagt: „Eines der größten Vergehen an Gott, für das Er uns in Liberia bestrafen könnte, ist Homosexualität“.

Vielleicht ist es besser, manche Ansteckungsketten im Dunkeln zu lassen – zum Schutz der Opfer.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Erneuter Anstieg von Ebola-Infektionen in Freetown

Es war nun einige Zeit ruhig, sowohl in meinem Blog, als auch in Sierra Leone. Die wöchentlichen Neuinfektionen sind immer mehr zurückgegangen und es gab sogar mehrere Tage hintereinander ohne eine einzige Neuinfektion landesweit. Es schien nur noch ein kleiner Schritt zu einem Ebola-freien Sierra Leone.

Aber leider hat sich das Blatt kürzlich wieder gewendet. Die Grafik unten zeigt die Zahl der „Kontaktpersonen“, die am 6. Juli unter Beobachtung standen und wurde von der WHO veröffentlicht. Die Zahl bezeichnet diejenigen Personen, die direkten Kontakt zu einem bestätigten, positiven Ebola-Fall hatten und die folglich unter Quarantäne stehen. WARD 374 ist ein Stadtteil von Freetown, der auch als „Magazine Wharf“ bezeichnet wird, ein Slum direkt an der Küste. Während es bis Freitag 14 Ebola-Fälle aus Magazin Wharf gab, hat das Wochenende nun 5 weitere hervorgebracht. Einer von diesen hatte bis gestern sogar keine bekannte Verbindung zu den anderen Fällen, was noch besorgniserregender ist.

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Die Mehrheit der neuen Fälle geht auf einen asymptomatischen Fall einer schwangeren Frau zurück, die ihr Kind im Krankenhaus zur Welt gebracht hat ohne zu wissen, dass sie sich mit Ebola infiziert hatte. Das Immunsystem Schwangerer läuft auf „Sparflamme“ während der Schwangerschaft um zu verhindern, dass der Körper das ungeborene Kind „abstößt“. Dies kann – wie sich jetzt herausgestellt hat – Ebola verschleiern. Fieber und Übergeben sind Abwehrreaktionen des Körpers im Kampf gegen das Virus. Wenn dieser Kampf ausbleibt, gibt es erst mal auch kein Fieber. Ebola wurde erst nach der Geburt bei der Mutter festgestellt. Infolgedessen wurden nun mittlerweile mehr als 400 Kontaktpersonen unter Quarantäne gestellt.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Ebola und Armut – eine tödliche Kombination

Warum Westafrika? Ebola-Ausbrüche hat es schon häufig gegeben, z.B. in Uganda, aber nie kam es zu einer derartigen Epidemie. Klar scheint aber zu sein, dass die extreme Armut in weiten Teilen Westafrikas ein Faktor war, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass sich Ebola so stark ausbreiten konnte. Wie trägt Armut zur Ausbreitung einer Krankheit bei?

Dazu möchte ich zuerst zwei „Sorten“ von Armut unterscheiden: Zum einen die Armut der Bevölkerung, und zum anderen die Armut des Staates. Es gibt zahlreiche Gründe, warum Sierra Leone als Staat betrachtet kein reiches Land ist, allen voran wohl Korruption. Die Diamantenvorkommen, die Fischgründe und die traumhaften Sandstrände, bestens geeignet für paradieshungrige, europäische Touristen, sollten eigentlich einen wohlhabenden Staat vermuten lassen. Aber wie in vielen afrikanischen Staaten mit reichhaltigen Ressourcen ist leider das Gegenteil der Fall. Kriminalität und Korruption im Handel mit eben diesen Ressourcen halten Länder in ihrer Armut gefangen. So auch in Sierra Leone. Das Ergebnis ist ein kaum existentes Sozialsystem, Krankenhäuser ohne Medikamente oder medizinischer Ausstattung, Schulen ohne Bücher, Straßen ohne Teer. Genau diese drei Faktoren, Gesundheit, Bildung und Transport, tragen maßgeblich zum Ebola-Problem bei.

Es ist offensichtlich, dass wenige und schlecht ausgestattete Krankenhäuser zu einer Ebola-Epidemie beitragen. Die strengen Isolationsmaßnahmen, die nötig sind überfordern die Krankenstationen schlicht. Das alles dann von außen ins Land zu bringen, über ausländische Hilfsorganisationen und Regierungen, braucht Zeit. Genau in dieser Zeit findet aber bereits eine weitere Verbreitung des Virus statt. Auch die mangelhafte Bildung weiter Teile der sierra-leonischen Bevölkerung hat Anteil an der Ausbreitung der Krankheit. Viele Menschen können nicht lesen und können also mit den vielen Informationsplakaten und Zeitungsartikeln nichts anfangen, es sei denn, sie sind sehr gut bebildert. Viele Menschen haben auch schlicht Schwierigkeiten damit, das gesamte Konzept eines „Virus“ als solches zu begreifen. Und es ist ja auch zugegeben nicht ganz trivial, dass ein für das menschliche Auge nicht sichtbarer winziger Partikel einen Menschen dermaßen grausam erkranken lassen kann. Dazu kommt das schlecht ausgebaute Straßennetz. Kranke müssen zügig transportiert werden, aber genau das ist ja kaum möglich. Viele Orte sind praktisch nur per Jeep zu erreichen, manche sogar nur per Boot. Da ist Transport ein Abenteuer.

Zu diesen ungünstigen Voraussetzungen gesellt sich dann die Armut der Bevölkerung. Eine Studie der Njala Universität (http://www.ebola-anthropology.net/case_studies/village-responses-to-ebola-virus-disease-in-rural-central-sierra-leone/) hat gezeigt, dass viele Menschen aus ökonomischen Zwängen heraus einen zu frühzeitigen Arztbesuch vermeiden. Erkrankt ein Familienmitglied, wird erst mal gewartet. Vielleicht kann man sich ja das Geld für den Transport zur nächsten Gesundheitsstation sparen? Auch die Kosten für den Arzt, denn wenn es KEIN Ebola ist, ist die Behandlung ja nicht kostenlos. Die meisten Familien warten also 2-3 Tage, bevor sie überhaupt die Entscheidung treffen, ob ein Arzt notwendig ist oder nicht. Ist eine solche Notwendigkeit dann festgestellt, muss oft erst Geld von Freunden und Verwandten zusammen geliehen werden. Wieder vergehen ein paar Tage. Bis der Patient dann schließlich zum Arzt aufbrechen kann, ist oft schon die Phase höchster Ansteckungsgefahr erreicht. Während des Transportes wird es dann fast unweigerlich zu weiteren Ansteckungen kommen. Und so nimmt die Epidemie ihren Lauf.

Der Ausbruch von Ebola mag weitestgehend zufällig geschehen. Die Ausbreitung hingegen ist stark vom jeweiligen Standort abhängig – und Sierra Leone war in dieser Hinsicht klar auf der Seite der Verlierer.

Julia Broska

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Regionale Kooperation im Kampf gegen Ebola?

Aus meiner Sicht wäre ein regionaler Schulterschluss im Kampf gegen Ebola eigentlich naheliegend. Die Länder Guinea, Sierra Leone und Liberia sind Nachbarländer und zum Teil kulturell sehr ähnlich. Trotzdem hat jedes Land den Kampf gegen Ebola weitestgehend allein geführt und auch sehr unterschiedliche Strategien angewandt.

Was vor allem in letzter Zeit immer wieder aufkam in Sierra Leone war die Diskussion, ob die Grenzen zu Guinea geschlossen werden sollten. Rufe werden laut nach Militärpräsenz und Grenzschutz. Dabei frage ich mich, ob eine solche Maßnahmen tatsächlich den gewünschten Erfolg bringen. Zwar wurde Ebola tatsächlich von Guinea nach Sierra Leone gebracht, die Verbreitung innerhalb des Landes fand aber mit großer Mehrheit durch Sierra Leoner selbst statt. Nichtsdestotrotz wird bei jedem neuen Ebola-Fall in der Grenzprovinz Kambia zuerst vermutet, der Fall sei aus Guniea „eingeschleppt“:

150326 EbolaAusGuniea

Welchen Unterschied macht das eigentlich? Sitzen nicht alle Länder im selben Boot? Außerdem – wäre es nicht viel sinnvoller, bei vielen neuen Ebola-Fällen in den Grenzregionen sowohl Sierra Leones als auch Guineas ein gemeinsames Programm zu starten, um die Ansteckungen einzudämmen? Social Mobilization, Aufklärungsprogramme, mehr mediale Aufmerksamkeit? Denn die Fälle belegen ja offenbar, dass zu wenig getan wird in diesen geographischen Gebieten. Stattdessen beschränkt man sich darauf, die Schuld dem jeweils anderen Land zuzuweisen. Vorstöße, die Grenzen zu schließen kommen nämlich – wie nicht anders zu erwarten – von beiden Ländern wechselseitig.

Ende März hat Guinea die Grenze zu Sierra Leone geschlossen:

http://www.nytimes.com/2015/03/31/world/africa/guinea-border-closed-over-ebola-fears.html?_r=0

Dies hat Sierra Leoner aber nicht davon abgehalten, ihrerseits einen Grenzschluss Sierra Leones einzufordern, hier ein Auszug aus WhatsApp vom 17. Mai:

WhatsApp Guinea

Es ist zu hoffen, dass zumindest in der Post-Ebola-Zeit ein stärkeres Regionalbewusstsein entsteht und vielleicht sogar Best-Practices ausgetauscht werden können. Die Welthungerhilfe ist in dieser Hinsicht bereits aktiv geworden: Vor zwei Wochen gab es einen Workshop für Mitglieder der District Ebola Response Center (DERC), bei dem auch zwei Teilnehmer aus Guinea eingeladen werden. Zudem hat die Welthungerhilfe ein grenzübergreifendes Programm aufgelegt, das Nahrungsunsicherheit in stark von Ebola betroffenen Gebieten in Sierra Leone und Liberia bekämpfen soll. Trotzdem – es sollte noch mehr getan werden für die regionale Zusammenarbeit. Alle Organisationen könnten eine Stärkung in dieser Hinsicht anstoßen, gerade wir Europäer könnten uns auf unsere eigenen starken Regionalstrukturen besinnen und unsere Erfahrungen teilen.

Julia Broska

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Ebola zerstört die Wirtschaft

Viel ist bereits gesagt und spekuliert worden über die negative Wirkung von Ebola und den verhängten Maßnahmen auf die Wirtschaft. Nichtsdestotrotz muss ich persönlich sagen, dass ich lange kein klares Bild hatte. Die Meldungen waren widersprüchlich. Jetzt scheint es aber amtlich: Die Ökonomie Liberias, Gunieas und Sierra Leones wurden durch die lang anhaltende Ebola-Epidemie massiv geschädigt.

Kürzlich habe ich in der Zeitung Awoko wieder einen Artikel entdeckt über die Auswirkungen auf den Kleinhandel.

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Hier wird immer wieder genannt, dass die Reisebeschränkungen den entscheidenden Einfluss übten. Dadurch, dass Überland-Reisen lange starken Beschränkungen unterlagen, konnten Bauern keine Märkte mehr erreichen, Großhändler konnten wiederum nicht mehr von Zwischenhändlern erreicht werden und so weiter. In dem Zeitungsartikel spricht Frau Bio davon, dass ihre Produkte teils seit Monaten auf Käufer warten würden. Und auch eine Studie im Namen der UNDP zitiert auf der ersten Seite einen Handelsvertreter der Regierung:

„Ebola tötet Tausende jeden Monat, aber die fortgesetzten Beschränkungen im Kampf gegen Ebola zerstören Dutzende von Geschäften jeden Tag.“

Der Report („Impact of the Ebola Virus Disease on Business Establishments in Sierra Leone“, UNDP, Dezember 2014) bezeugt, dass 9 von 10 Geschäften eine signifikante Reduktion im Produktionssektor beklagen. Dies hätte wiederum den Verlust von Arbeitsplätzen zur Folge. 3/5 aller Geschäfte behaupten, sie hätten ihre Belegschaft reduziert. Einen Beispielfall kenne ich: Ein libanesischer Supermarkt in unserer Straße ist dabei, seinen Laden zu schließen. Er meint, das Geschäft sei dermaßen zurückgegangen seit Ebola und für 2015 mache er sich auch keine großen Hoffnungen, dass es sich einfach nicht mehr lohne. Einer meiner Kollegen hat mir heute erzählt, dass in Liberia bereits Regression herrsche, zurückzuführen auf den monatelangen Kampf gegen Ebola. Hier in Sierra Leone sei das Wachstum laut dem Finanzministerium von ca. 9% auf 4% jährlich gefallen. Dies sind aber meines Wissens alles noch unbestätigte Zahlen.

Julia Broska

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Ebola – Das Interesse der Weltgemeinschaft schwindet

Seit ca. einer Woche ist es bekannt: UNMEER, die United Nations Mission for Ebola Emergency Response, die erste UN Gesundheits-Mission der Geschichte, wird am 30. Juni aufgelöst. Entstanden war UNMEER am 19. September 2014 und es war immer klar, dass es sich um eine zeitlich begrenzte Mission handeln wird. Aber wie das so ist gegen Ende eines Katastropheneinsatzes steht natürlich die Frage im Raum: Was kommt danach?

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Das National Ebola Response Center (NERC) wird mit UNMEER seinen wichtigsten Unterstützer verlieren – auch finanziell. Damit stellt sich die Frage, wie die landesweite Ebola-Response noch koordiniert und aufrechterhalten werden kann. Denn Ebola ist zwar „unter Kontrolle“, aber fast täglich gibt es noch 1-2 neue Fälle. Bis Ende Juni wird Sierra Leone nicht Ebola frei sein, das ist fast sicher. Allein schon die Tatsache, dass 42 Tage ohne neue Erkrankungs-Fälle vergehen müssen, bevor ein Gebiet als Ebola-frei erklärt werden kann, und das nachdem der letzte Patient entlassen wurde oder verstorben ist und das nachdem der letzte Ebola-Tote sicher bestattet wurde oder der letzte entlassene Patient zweimal negativ getestet wurde (Danke an @HaertlG auf twitter), macht das zeitlich unmöglich. NERC wird sich also andere Unterstützer suchen müssen. Aber wen? Und wer wird das Kommando übernehmen? Es gibt viel zu tun in der Rehabilitationsphase, Präventionsmaßnahmen müssen eingeleitet und Hygieneprogramme angestoßen werden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wer die Schlüsselrolle übernehmen könnte, z.B. das Gesundheitsministerium oder aber die Organisation of National Security (ONS). Als Mitarbeiterin einer zivilgesellschaftlichen Organisation hoffe ich, dass das Militär keine Rolle mehr spielen wird.

Hinzu kommt, dass viele Geber im Juni und Juli Stichtage haben für die vertragliche Mittelvergabe. Danach wird es deutlich schwieriger werden für Organisationen wie die Welthungerhilfe, Mittel für die Post-Ebola-Rehabilitation zu akquirieren. Ob es gelingen wird, Ebola dauerhaft aus Sierra Leone zu verbannen, wird auch von der Qualität der Projekte abhängen, die jetzt angestoßen werden.

 

Julia Broska

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Ebola in Sierra Leone – nach einem Jahr noch nicht besiegt

Am 25.05.2015 war es soweit: Der erste bestätigte Ebola-Fall in Sierra Leone lag genau 1 Jahr zurück. Ein Jahr, in dem das Land in einem Wahnsinn gefangen ist, der zu geschlossenen Schulen, unbestellten Feldern und zerstörter Wirtschaft geführt hat. Ein Jahr, in dem ein einziger Virus mehr als 3.500 Menschen das Leben gekostet hat. In dem hunderte Kinder zu Waisen wurden. Und der Kampf ist noch nicht gewonnen.

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Die Menschen in Sierra Leone sind es leid, mit zahlreichen Einschränkungen leben zu müssen. Sie sind auch die Angst leid, sie selbst oder ein Angehöriger könnte sich mit Ebola infizieren. Es herrschen Ungeduld und Missmut. Hier ein Auszug aus der WhatsApp Gruppe „WHH Ebola Response“:

„So wie ich es verstanden habe, können wir erst damit beginnen, 42 Ebola freie Tage zu zählen, wenn der letzte Patient entweder als geheilt entlassen wurde oder gestorben ist. Gibt es irgendeine Information wie viele Patienten wir zurzeit haben? Sorry, das klingt vielleicht verängstigt und frustriert, aber ich will unbedingt, dass unser Land endlich Ebola-frei wird. Ein Jahr mit dem Virus ist einfach zu lang!“

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Präsident Ernest Bai Koroma hat anlässlich des Jahrestages Ebola-Überlebende eingeladen und die Bevölkerung dazu aufgerufen, von Stigmatisierung Abstand zu nehmen. Er hat sein Versprechen erneuert, dass alle Ebola-Überlebenden, die ein Entlassungs-Zertifikat eines Ebola-Behandlungszentrums vorweisen können, kostenlos in staatlichen Krankenhäusern behandelt werden, sollten sie in Zukunft irgendwelche Beschwerden feststellen. Bis zum Jahrestag waren 4.013 Ebola-Überlebende offiziell erfasst.

http://reliefweb.int/report/sierra-leone/ebola-clocks-1-year-president-pledges-support-survivors

Auch die Welthungerhilfe wird sich in den kommenden Monaten vermehrt darauf konzentrieren, Ebola-Überlebende zu unterstützen. Dabei geht es vor allem um wirtschaftliche Unterstützung: Nahrungsmittel, finanzielle Hilfe und auch Beratung und Gesundheitsvorsorge. So hoffen wir, dass die Überlebenden nach ihrer schweren Krankheit zumindest Hoffnung schöpfen können, in Zukunft ein gesichertes Auskommen zu haben. Ich hoffe inständig, dass Sierra Leone nur noch wenige Wochen davon trennen, Ebola-frei zu werden. Auch wir wollen zurück zur Normalität, zu unseren landwirtschaftlichen Projekten und langfristigen Perspektiven, den wir den Menschen bieten möchten.

 

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Ebola und Korruption

Mitte Dezember gab es einen ausgesprochen interessanten Artikel auf foreignpolicy.com. Es ist zwar schon etwas her, aber ich möchte den Artikel trotzdem als Aufhänger für einen neuen Blogeintrag nutzen, denn das Thema ist und bleibt hochaktuell in Sierra Leone, nicht nur in Ebola-Zeiten: Korruption.

http://foreignpolicy.com/2014/12/10/sierra-leones-ebola-epidemic-is-spiraling-out-of-control/

In Rankings über Korruption gehört Sierra Leone regelmäßig zum unteren Drittel. In der jüngsten Geschichte der Entwicklungshilfe in Sierra Leone gab es spektakuläre Fälle von Korruption (siehe Artikel), die auch höchste Regierungsbeamte betrafen. Die Regierung unterhält eigens eine Anti-Korruptions-Kommission, aber deren Effektivität darf nach oben genanntem Artikel zumindest angezweifelt werden.

Es gibt auch andere Quellen, die Fragen aufwerfen bezüglich der zweckgebundenen Verwendung von Ebola-Hilfsgeldern. Gerüchten zufolge, und entgegen anders lautender Studien, soll der Zementabsatz im Land in den letzten Monaten steil angestiegen sein. Warum? Es heißt, die Regierungsvertreter hätten mehrheitlich begonnen, ihre Häuser auszubauen. Das wird wohl kein Zufall sein, dass gerade jetzt Geld dafür da ist. Aber wie gesagt, alles nur Gerüchte – natürlich.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass der Geldumsatz hier im Land im Moment enorm ist. Auch wir bei der WHH setzen Drittmittel in großen Summen um. Das erfordert viel administrativen Aufwand, wenn sichergestellt werden soll, dass alle Gelder dort verwendet werden, wo sie im Kampf gegen Ebola auch tatsächlich gebraucht werden, und ist einer der Gründe, warum ich eine 7-Tage-Woche habe. Ich kann nur darüber spekulieren, wie die weitaus größeren Summen, die als direkte Hilfe von ausländischen Regierungen an die Sierra Leonische Regierung gegeben werden, verwaltet werden. Zahlreiche Vertreter von Lokalregierungen haben im Kampf gegen Ebola Doppelrollen angenommen: Obwohl sie nach wie vor für die Regierung arbeiten, sichern sie sich regelmäßig Verträge als Consultants oder ähnliches für internationale NGOs und sonstige Hilfsorganisationen. Wie das zeitlich umzusetzen ist, ist fraglich und es muss wohl damit gerechnet werden, dass ihre tatsächlichen Aufgaben in der Zeit auf der Strecke bleiben.

Was mir aber wirklich Sorgen macht ist nicht das Geld, das möglicherweise in den falschen Taschen hängen bleibt. Besorgniserregend finde ich die „lessons learnt“, nämlich dass man mit einer medizinischen humanitären Katastrophe gutes Taschengeld verdienen kann. Unter solchen Umständen stellt sich eine zentrale Frage: Hat wirklich jeder hier ein ehrliches Interesse daran, Ebola zu beenden?

Julia Broska

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Trotz Ebola: Schulen öffnen wieder

Seit dem 14. April haben die Schulen in Sierra Leone wieder geöffnet. Zum ersten Mal seit meiner Einreise im November sehe ich haufenweise Kinder in Schuluniformen – grüne, blaue, gelbe – auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit. Landesweit sind es laut Medienberichten 1,7 Millionen – also ca. 35% der Bevölkerung.

Ich habe mich ein bisschen mit meinen nationalen Kollegen unterhalten, die fast alle Eltern sind, um herauszufinden, wie genau der „Ebola-sichere“ Schulbesuch abgewickelt wird. Pro Schule wurden 3 Personen – meist Hilfspersonal wie Reinigungskräfte oder Wächter – darin geschult, die Temperatur zu messen und Chlorlösung für’s Händewaschen fertig zu mischen. Jeden Morgen gibt es also dieselbe Prozedur wie an unserer Büropforte: Thermometer an die Schläfe und Hände unters Wasser.

SchuleGrundschul-Eingang in John Obey.

Wenn ein Kind mit einer erhöhten Temperatur gemessen wird, kommt es in einen speziellen Isolations-Raum zur Beobachtung. Erhärtet sich der Verdacht auf Ebola, wird der Ebola-Notruf 117 gerufen. Bisher kam das allerdings noch nicht vor, was ein sehr gutes Zeichen ist. Ich habe gehört, dass es in Makeni (der Provinzhauptstadt von Bombali) 2 Isolations-Fälle gab, die sich dann allerdings glücklicherweise bald als harmlos herausgestellt haben.

Eigentlich geht das Schuljahr in Sierra Leone von September bis ca. Juni / Juli. In der Regenzeit sind Ferien. Da jetzt aber ca. 2/3 des Schuljahres bereits ausgefallen sind, wurde, zumindest wurde mir das so erzählt, das Schuljahr jetzt verschoben. Es soll von April bis Dezember dauern. Außerdem hat die Regierung verkündet, dass für 2 Jahre die Schulgebühren ausgesetzt werden sollen – als Anreiz, damit wirklich alle Kinder wieder zurück zur Schule gehen. Ich hoffe, diese Entscheidung geht nicht zu Lasten von Zahl oder Höhe der Lehrer-Gehälter oder der Schulausstattung…

Natürlich habe ich meine Kollegen auch gefragt, ob sich ihre Kinder auf die Schule gefreut haben: Alle haben mir ein klares JA geantwortet. Ihren Kindern sei es zuhause wahnsinnig langweilig gewesen. Verständlich, nach fast 8 Monaten zuhause.

Die Welthungerhilfe hat die Wiedereröffnung der Schulen in Freetown mit der Bereitstellung von Handwaschstationen, Chlor und Seife unterstützt.

Julia Broska

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