Gefängnis für Sex? – Kriminalisierung von Ebola-Überlebenden

Ebola-Überlebende haben ein Problem: Noch mindestens drei Monate, nachdem sie als geheilt entlassen wurden, können in Spermien oder Vaginalflüssigkeiten Ebola-Viren enthalten sein. Damit werden sie zur Gefahr für den Erfolg im Kampf gegen Ebola und können jederzeit ein Wiederaufflackern der Epidemie verursachen, obwohl man das Virus schon für besiegt hielt. Es war in der Diskussion, ob der einzelne Fall, der in Liberia nach 28 Tagen ohne Fälle aufgetreten ist, durch Sex mit einem Überlebenden verursacht worden war. Es scheint aber, dass dies nun ausgeschlossen wurde. Wie dem auch immer sei, Überlebende stellen sozusagen eine reale Gefahr da.

Trotzdem ist aus meiner Sicht die Haltung der Regierung zu diesem Thema verfehlt. Auf der Titelseite der Tageszeitung Awareness Times war vergangene Woche zu lesen, dass „Überlebende gewarnt werden, auf Sex zu verzichten.“ Diese Botschaft kam vom Präsidenten höchst persönlich. Im Text hieß es dann, dass hart durchgegriffen werden, sollte bekannt werden, dass ein Überlebender einen neuen Ebola-Fall verursacht hat. Und soweit ich weiß wurde mind. 1 Person bereits zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, da sie eine Sex-Arbeiterin infiziert hatte.

Ernest Bai Koroma warnt Überlebende vor frühzeitigem Sex.
Ernest Bai Koroma warnt Überlebende vor frühzeitigem Sex.

Aus meiner persönlichen Sicht ist das der falsche Ansatz. Zum einen halte ich es für unrealistisch, dass Überlebende drei Monate auf Sex verzichten. Mein Eindruck ist, dass mindestens zwei Dinge dem entgegenstehen: 1. Der Hang dazu, Gefahren zu verleugnen oder zu ignorieren. So wurde ja lange Ebola für ein Gerücht gehalten und was ich von meinen nationalen Kollegen so gehört habe, hält man auch HIV gerne für ganz weit weg vom eigenen Leben. 2. Sex wird hier, so mein Eindruck, als essentielles „Recht“ wahrgenommen. Ist ja in Deutschland nicht anders. Das ist eine gefährliche Kombination in Zeiten von Ebola.

Hinzu kommt, dass sicherlich keine Ehefrau ihren Mann „verpetzen“ wird, wenn er dafür 1 Jahr in den Knast wandern muss! Falls die Betroffene eine Sex-Arbeiterin ist, gut, dann kann ich mir das noch vorstellen. Aber die eigene Ehefrau hat sicherlich kein Interesse daran, ihren Mann, der gerade eine schwere Krankheit überlebt hat und potentiell wesentlich zum Einkommen der Familie beiträgt, ans Gefängnis zu verlieren oder z.B. auch eine Geldstrafe in Kauf zu nehmen. Soll heißen, Bestrafung für Sex halte ich für nicht praktikabel. Wie um alles in der Welt will man beweisen, dass ein Virus durch Sex übertragen wurde, wenn es die Betroffenen abstreiten?

Ich denke, es wäre sinnvoller, massenhaft Kondome zu verteilen UND zu erklären, wie man sie benutzen muss. Am besten in Bildern. Solches Informationsmaterial gibt es ja bereits zu hauf. Sicher, man kann jetzt einwenden, dass die Akzeptanz von Kondomen in den meisten afrikanischen Gesellschaften, so auch in Sierra Leone, ausgesprochen niedrig ist. Aber der Druck, der durch Ebola ausgeübt wird, wäre vielleicht sogar ein genialer Zeitpunkt, um eben diese Akzeptanz zu erhöhen. Denn einem Überlebenden sieht man natürlich nicht an, ob und wann er die Krankheit hatte. In jedem Fall denke ich, die Menschen müssen stärker mobilisiert werden, die Betroffenen als Handelnde, nicht als Opfer verstanden werden. Es ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll, drastische Maßnahmen von oben zu verordnen. Stattdessen sollte die Zustimmung und aktive Unterstützung der Bevölkerung gewonnen werden. Aber was verstehe ich schon von Politik…

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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Über Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

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