Da liegt ein Ebola-Kranker – und jetzt?

Eine Woche nach meiner Ankunft in Freetown hatte ich die Antwort: Abwarten.

Mit meinen Kollegen Kellie und Shek war ich am Wochenende unterwegs um Quarantäne-Haushalte zu besuchen. Wir waren ca. 30 min unterwegs und hatten gerade den Ort Lakka erreicht, eine Dorfgemeinschaft etwas außerhalb von Freetown. An einer unserer selbst organisierten Straßensperren hat man uns dann auf einen Mann aufmerksam gemacht, der einige Meter entfernt am Straßenrand lag. Der Mann war seit mehreren Tagen zu Fuß unterwegs gewesen. Wo er hinwollte – ich weiß es nicht. Jedenfalls war er infiziert. Er war so geschwächt, dass er nicht mehr alleine aufstehen konnte. Er lag im Häuserschatten, auf der Erde. Er hatte kein Wasser. Er hatte kein Essen. Es gab keinen Arzt. Niemand sprach mit ihm.

Ein Ebolainfizierter aus Lakka liegt am Strassenrand und darf nicht angefasst werden.  By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Dieser Mann braucht Hilfe – aber wie?!.
By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Es ist nicht möglich, sich einem Ebola-Kraken gefahrlos zu nähern. Es gibt keine Möglichkeit, ihm Wasser zu bringen. Es gibt keine Möglichkeit, ihn ins Auto zu packen und zum nächsten Krankenhaus zu fahren. Das einzige was man noch tun kann, ist die kostenlose Ebola Notruf Nummer 117 anzurufen. Die Freiwilligen, die die Straßensperre betreuen, hatten schon angerufen. Keine Reaktion. Kellie greift also sofort zum Handy und wählt.

  1. „Von wo rufen Sie an?“ – eine verständliche Frage.
  2. „Wie ist Ihr Name?“ – Ist das jetzt wichtig?
  3. „Wie ist Ihre Adresse?“,
  4. „Woher wissen Sie von dem Kranken?“ – WTF?!?!

Später höre ich, dass der Mann die ganze Nacht auf der Straße lag und erst am folgenden Tag von der Ebola-Ambulanz abgeholt wurde. Ob er überlebt hat, weiß ich nicht. Ich bezweifle es. Je später die Menschen in medizinische Betreuung kommen, desto schlechter sind die Überlebenschancen.
In Western Area Rural, das ist die Halbinsel, auf der sich Freetown und einige weiter Orte befinden, gibt es 16 Ebola-Ambulanzen. In Freetown allein leben fast 1.000.000 Menschen. Pro Tag gibt es 10-40 bestätigte Neuinfektionen. Selbst wenn man pro Ambulanz nur von 4 transportierten Menschen am Tag ausgeht, stellt sich doch irgendwie die Frage, warum manche Kranke 2-3 Tage warten müssen, bis sie abgeholt werden. Und warum gibt es mit all den Geldern, die bisher flossen, nicht ein paar mehr Ambulanz-Wagen?

Der Deutsche Geograph Jürgen Schönstein bringt es in seinem lesenswerten Blogartikel wie folgt auf den Punkt:

Denn was nützt es den Dorfbewohnern in Guinea oder Sierra Leone, wenn Patientinnen und Patienten in Großstadtkliniken behandelbar sind? Die Existenz von Kliniken allein genügt nicht – man muss auch aufgenommen werden.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Über Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

4 Gedanken zu „Da liegt ein Ebola-Kranker – und jetzt?

  1. Ich weiß überhaupt nicht, was ich schreiben soll, so sprachlos bin ich. Mir ist schon klar, dass es für dich keine andere Lösung gab. Trotzdem frage ich mich: Wie kommt man denn darauf klar, als Helfer einen hilfsbedürftigen Menschen einfach liegen lassen zu müssen?

    1. Ehrlich gesagt habe ich nicht mal die Zeit, darüber nachzudenken. Im Nachhinein habe ich mir Vorwürfe gemacht, dass ich zumindest eine Wasserflasche hätte rüber rollen können. Oder vielleicht wenn ich als ausländische Helferin 117 gewählt hätte, wären sie dann schneller gekommen? Wir wussten ja zu dem Zeitpunkt nicht mal, ob es wirklich Ebola war, er hätte ja auch „einfach so“ krank sein können… Aber dann stürzt man sich wieder in die Arbeit, und versucht zu verdrängen, was alles noch mehr gemacht werden müsste und könnte…
      Eins ist jedenfalls klar: Als Helfer muss man funktionieren, sonst wird man nicht seiner Rolle gerecht. Kein Raum für Frustration.

  2. Die Grundversorgung mit Wasser, Nahrung und einfachster Medizin ist in vielen Weltregionen vermutlich schon im alltäglichen Ablauf keine Selbstverständlichkeit und es sterben täglich Menschen auf den Straßen und einsam in ihren Hütten. Auch wenn Sierra Leone vor der Epidemie eine positive Entwicklung genommen hat, der Ausgangszustand ist ein völlig zerrüttetes Land gewesen. Meine Vermutung ist, dass schon vor dem Ausbruch die Versorgung in vielen Bereichen unzureichend war.

    So entsetzlich der konkrete Fall ist, das Ausmaß bestimmt meiner Wahrnehmung nach wie schlimm die Lage ist. Wie häufig hilfsbedürftige Menschen sterben, wie begrenzt die Kräfte sind, wie überspannt die Helfer sind, all das kann man aus der Distanz nur erahnen. Wenn schon ein einzelner Fall, der nicht sofort als Ebola-Infektion erkannt wird, den Betrieb eines Krankenhauses auf Dauer zusammenbrechen lässt, dann kann ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, wenn die erwartete Hilfe gerade auf dem Land nicht ankommt.

    Angesichts einer solchen Katastrophe hilft es wohl nur den Blick immer auf überschaubare Ziele zu richten, die man bewältigen kann. Es würde mich aus dem Tritt bringen und vermutlich auch überfordern, die Rahmenbedingungen einer gesamten Gesellschaft schwanken zu sehen. Man kann nur hoffen, dass es eine Unterstützung für das Land gibt, die hilft die Lage generell zu stabilisieren.

Kommentar verfassen