Archiv für den Monat: Dezember 2014

Fälschungen im Ebola-Kampf: Wenn Armut Menschen unehrlich werden lässt

Bei meinem Besuch im DERC Meeting (DERC = District Ebola Response Centre) in Kailahun kommt ein neues Problem auf den Tisch: Das Ministerium für Soziale Wohlfahrt berichtet, dass gefälschte „Entlassungs-Zertifikate“ im Umlauf sind. Diese Zertifikate werden allen Ebola-Überlebenden von den behandelnden Zentren ausgestellt, um Stigmatisierung und Angst in der Nachbarschaft zu verhindern und auch, um den Betroffenen Zugang zu verschaffen zu weiteren Hilfsleistungen. Denn das Ministerium möchte die Überlebenden dabei unterstützen, wieder ein normales Leben zu beginnen. Da fast der gesamte Besitz von Ebola-Infizierten aus Sicherheitsgründen vernichtet wird, stehen die Überlebenden oft im wahrsten Sinne des Wortes vor dem Nichts, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen werden.

In Kailahun ist es nun der Fall, dass Medecins Sans Frontieres (MSF) im von ihnen geleiteten Behandlungszentrum fälschungssichere Zertifikate ausstellen. Einige Patienten aus Kailahun mussten aber nach Kenema in Behandlungszentren, da in Kailahun nicht genug Betten frei waren. Und dort wurden offenbar, so berichtete das Ministerium, Entlassungs-Zertifikate ausgestellt, die leicht kopiert werden können. Um also die unterstützenden Leistungen an Überlebende abzugreifen, haben jetzt Gesunde, die nie Ebola hatten, diese Zertifikate gefälscht.

Diese Information habe ich getwittert, was in der Community einen regelrechten Schlagabtausch ausgelöst hat. Mir wurde vorgeworfen, lieber die „Schuld“ bei der armen Bevölkerung zu suchen, als bei mir selbst, beim Versagen der internationalen NGOs.

Ich persönlich finde die ganze Angelegenheit extrem interessant und sie beleuchtet zahlreiche Facetten. Zum einen stellt sich die Frage, warum die gesunde Bevölkerung sich nicht solidarisch zeigt mit den Überlebenden. Denn faktisch hat das Ministerium jetzt die Verteilung von Übergangshilfe suspendiert. Es muss jetzt Person für Person nochmal mit dem Behandlungszentrum im Nachbardistrikt Kenema abgeklärt werden, ob sie jemals dort behandelt wurde, ja oder nein. Erst nach diesem langwierigen Prozess wird das Ministerium seine Arbeit wieder aufnehmen. Es hat also im Endeffekt niemand was gewonnen, aber die Überlebenden müssen tagelang auf dem Boden schlafen, weil sie nicht mal eine neue Matratze bekommen haben. Wo ist die Solidarität? Sind die Menschen so arm, dass sie darauf keine Rücksicht nehmen? Hat der Bürgerkrieg eine jeder-für-sich-selbst Mentalität gefördert? Schaut man von den „dicken Fischen“ ab, bei denen Korruption zum täglichen Geschäft gehört?

Und wie sind die Vorwürfe auf twitter zu verstehen? Es sollte jedem klar sein, dass es mit den vorhandenen Ressourcen einfach nicht möglich ist, die gesamte Bevölkerung neu auszustaffieren. Sicher, Ebola bietet in gewisser Hinsicht eine Chance für Sierra Leone, das ja schon immer zu den ärmsten Ländern der Welt gehörte, endlich mehr ausländische Hilfe ins Land zu bekommen. Aber nichtsdestotrotz muss die Zielgruppe eingegrenzt werden, und wenn jemand sein gesamtes Hab und Gut aufgrund einer Krankheit verliert, ist es sein Recht, von der Regierung und der Internationalen Gemeinschaft Ersatz zu fordern. Das lässt sich aber nur umsetzen, wenn alle an einem Strang ziehen, die lokale Bevölkerung eingeschlossen.
Ich bin wirklich die Letzte die mit dem Finger auf andere zeigt und nach Schuldigen sucht. Man kann hier nicht Pauschalisieren. Es geschehen so viele Dinge auf einmal, so viele Fehler auf einmal, es gibt so viele kausale Ketten, das jede Fehlentscheidung verdammt schnell zu einem Hindernis im Kampf gegen Ebola werden kann. Das betrifft die Regierung, internationale NGOs und die lokale Bevölkerung gleichermaßen. Ebola kann nur gemeinsam besiegt werden.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Ebola-Überlebende: Gerettet und vergessen?

Mittlerweile wurden mehrere tausend Menschen in Sierra Leone als von Ebola geheilt aus den Behandlungszentren entlassen. Man nennt sie hier „survivors“ – Überlebende. Aber wie geht das Leben weiter für so einen oder eine Überlebende/n?

Die Frau hat Ebola in Sierra Leone ueberlebt und wurde nach ihre Entlassung aus dem Krankenhaus mit Ihrem Ehemann fotographiert
Frau Abie Forna, 35 Jahre alt, hat Ebola in Sierra Leone ueberlebt und wurde nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus mit Ihrem Ehemann fotographiert. By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Bei Entlassung erhalten die Überlebenden ein offizielles Zertifikat, das sie als gesund auszeichnet. Außerdem erhalten sie ein Paket Vitamine und Medikamente, die sie noch ein bisschen aufpäppeln sollen. Zumindest in der Theorie. Ich habe persönlich leider schon Überlebende getroffen, die weder das eine, noch das andere bekommen haben. Außerdem scheinen Überlebende noch sehr schwach zu sein. Ich weiß nicht, wie lange es braucht, bis sie wieder ganz bei Kräften sind und es ist sicherlich auch stark von der persönlichen Konstitution abhängig, Alter, Ernährungszustand, Vorerkrankungen usw. Tatsächlich habe ich sogar gehört, dass für einen gesunden Menschen der schnell medizinische Hilfe bekommt die Überlebenschancen gar nicht so schlecht stehen. Aber da viele der Betroffenen arm sind, in hygienisch bedenklichen Verhältnissen leben und oft schon vorher nicht bei bester Gesundheit waren, hilft leider oft auch schnelle Hilfe nicht.

Hinzu kommt, dass Überlebende oft in sehr schwierige familiäre Verhältnisse zurückkehren. Oft sind weitere Familienangehörige erkrankt oder sogar gestorben, nicht selten auch der Haushaltsvorstand und Hauptverdiener. Die Familien waren außerdem mind. 21 Tage lang in Quarantäne und hatten in Folge dessen vollen Verdienstausfall. Theoretisch sollen auch post-quarantäne Haushalte ein unterstützendes Essenspaket erhalten, aber bisher ist das scheinbar eher punktuell geschehen. Und von einem Essenspaket allein findet man auch keinen neuen Job.

Gemäss der Nichtregierungsorganisation «Médecins sans Frontières» (MSF) haben in Guinea etwa 30 Personen die Infektion mit dem Ebola-Erreger überstanden. Sie versuchen, sich und ihr Schicksal im Hintergrund zu halten. Denn wird ihre Geschichte bekannt, drohen ihnen und ihren Familien Ausgrenzung, Angriffe und Vertreibung.

Kurz gesagt: Die Überlebenden werden auf dem Papier als Helden gefeiert, praktisch aber im Stich gelassen. Von einigen wenigen lokalen NGOs gibt es Initiativen, Überlebende in Aufklärungskampagnen einzubinden, was ich persönlich als sehr gute Initiative begrüße. Rene hatte in einem hier veröffentlichten Interview mit mir die Frage aufgeworfen, ob Überlebende immun sind gegen Ebola. Mittlerweile habe ich die Antwort: JA, sie sind immun! Das heißt es gibt das große Potential, Überlebende in die Krankenpflege einzubinden.

Glücklich diejenigen, die die aggressive und gefährliche Virus-Erkrankung ohne Serum besiegt haben. Unter ihnen sei die Bereitschaft groß, auch anderen zu helfen, so Charbonneau. Das gilt vor allem für Personen, die in irgendeiner Form über einen medizinischen Hintergrund verfügen. „Diese Menschen haben großes Interesse daran, ihr Wissen einzubringen und zu vermitteln. Das ist eine ganz große Chance“, sagt Charbonneau. „Sie könnten zum Beispiel Waisenkindern helfen oder auch Kindern, die noch in Krankenhäusern sind und unter Quarantäne stehen.

Die Welthungerhilfe hat ein erstes Projekt gestartet, das vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert ist und sich unter anderem um die Wiedereingliederung von Überlebenden kümmert. Sie haben es Besseres verdient, als vergessen zu werden.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

So what actually is the problem?

I wish there would be an easy answer to that question. An answer that I could give to both sides. To people in Germany who are wondering why the Ebola epidemic now remains undefeated for months. And to the people of Sierra Leone in particular. A simple answer that can be conveyed in a sentence.

But this answer does not exist. The problem is too complex . Actually, everything in the combination of „Extreme poverty – Ebola – West Africa“ is a problem. Just to give a few clues here is my brainstorm:

The number of trained Sierra Leonean doctors is tiny ( I guess less than 50 nationwide ) . The hygienic conditions are bad, many people share simple toilet facilities. At the beginning of the outbreak people did not believe the government as the relationship between government and people is bad, there is no trust. There are too few foreign doctors willing to come. The German media describe Ebola as uncontrollable, which is wrong and only stokes fear. Sierra Leone is a high risk country for malaria. Ebola initially has the same symptoms as malaria and is therefore often denied. Local burial rituals include the washing of the dead, which is an activity that puts family members at high risk contracting Ebola as well. The local culture is strongly related to body contact, the people are very close to each other. In Sierra Leone, guests will never be rejected, the people are very hospitable. The international reaction came too late and too slow. Too many NGOs and UN organizations are circling around coordination, while at the bottom little is going on. Too many resources go into treatment rather than primarily focusing on prevention and containing the spreading of Ebola. This problem is actually well known from HIV. See William Easterly

„The White Man’s Burden“

There were unfortunately a number of other disasters this year, additional to Ebola, so the media interest was quickly gone.

That is what I think in 5 minutes after a month of working in Sierra Leone. Once again the fair question rises what the individual can do, yes, what a single NGO can reach.
But there is fortunately a simple answer: Damn much.

For four weeks I worked every single day as project administrator for the German Welthungerhilfe in Freetown. The administrative effort for donations and donor funds, as for instance money from the German government, is enormous.

Welthungerhilfe brings food packets to the people affected by Ebola in John Obey in Sierra Leone. By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

To put the local auxiliaries in a position to provide locally soap, chlorine, educational materials, food packages for households under quarantine, we need to capture every single step in writing.  We are just starting a project in which 33,000 household kits will be distributed. This means 33,000 signed delivery notes. In the end, everything has to fit together: it must have been bought exactly what has arrived at the warehouse. The same number of household kits must leave the warehouse as reaches the local beneficiaries. Sometimes I wonder if that is part of the solution or part of the problem. But all that has emerged from the debate about accountability of humanitarian aid. But that is another story that I will tell another time.

This article is an English translation of Julias original article in German language.

Philippe

Philippe translates Julias articles to English language so that more people can have access to her reports and information.

More Posts

Ebola zieht Teenager Schwangerschaften in Port Loko District – Sierra Leone – hinter sich her

Am Freitag las sich das Cover der Standard Times, einer Sierra Leonischen Tageszeitung, folgendermaßen: „Teenage pregnancy ruins Port Loko district“. Auf Deutsch: Teenager-Schwangerschaften ruinieren den Distrikt Port Loko. Klingt erst mal nicht so, als hätte es irgendwas mit Ebola zu tun. Aber zu meinem Entsetzen musste ich folgendes lesen (frei übersetzt aus dem Zeitungsartikel):

„Es ist eine Tatsache, dass der Ebola-Ausbruch in Sierra Leone nicht nur die sozio-ökomische Struktur unserer Ortschaften ruiniert, sondern auch Mädchen in ländlichen Gemeinden in eine Umgebung gebracht hat, die Kinderrechtsverletzungen und Missbrauch fördert. In einem Dorf in Port Loko sind mehr als 80% der minderjährigen, jugendlichen Mädchen, die aufgrund der Ebola-Epidemie nicht mehr zur Schule gehen, geschwängert worden.“

original Zeitungsartikel ueber teenager Schwangerschaft
Durch anklicken des Fotos, kann der original Zeitungsartikel in groß gesehen werden.

Weiter im Artikel ist zu lesen, dass fast alle Mädchen des Dorfes von Kollegen, Bauern und Händlern sexuell missbraucht wurden. Dies geschah scheinbar teilweise mit Einverständnis der Eltern, die auf die Hilfe von Männern angewiesen sind, um die Felder zu bestellen. Laut Artikel wird Bildung für Mädchen nicht hoch geachtet und die Eltern versuchen die Feldarbeiter durch ihre Töchter an den Betrieb zu binden.

Ich muss ehrlich sagen, dass mich dieser Artikel ziemlich geschockt hat. Ich hatte schon darüber nachgedacht, wie hoch wohl der volkswirtschaftliche Schaden sein mag, da seit Monaten Schulen und Universitäten gleichermaßen geschlossen sind. Aber nie war mir in den Sinn gekommen, dass Ebola einen rasanten Anstieg von Kindesmissbrauch nach sich ziehen könnte. Alle Kinder müssen zu hause bleiben. Sie haben keine Beschäftigung. Eltern und Verwandte müssen sich natürlich weiterhin um den Lebensunterhalt kümmern und so bleiben Kinder oft ohne Aufsicht oder Schutz. Seit einiger Zeit gibt es immerhin einen Schulunterrichts-Radiosender.

Eines ist klar: Ebola wird enorme Langzeitfolgen für Liberia und Sierra Leone haben. Ich glaube, das Ausmaß ist im Moment noch nicht abzusehen. Die Welthungerhilfe hat bereits eine Studie zu den nicht-medizinischen Folgen der Ebola-Epidemie veröffentlicht, sich dabei aber hauptsächlich auf wirtschaftliche Themen, speziell Ernährungssicherung, konzentriert. Dieser wurdebereits von der Tagesschau in einem Kommentar aufgegriffen. Die sozialen Folgen sind aus meiner Sicht momentan unüberschaubar, sollten aber nicht vernachlaessigt werden.

Dieser Artikel ist auch in Englisch verfügbar.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Ebola triggers teenage pregnancy and child abuse in Port Loko District Sierra Leone

Last weeks‘ Friday I stumbled upon the cover of the Standard Times – a local newspaper from Sierra Leone. It read: „Teenage pregnancy ruins Port Loko district“. In the first glimps I thought this was not related to the Ebola outbreak, but then to my surprise I read the following lines:

It is a truism that the outbreak of the Ebola pestilence in the country has not only ravaged the socio-economic fabric, nook and cranny of our settlements, but it has also left a host of the population of the girl child in the rural communities in a fit of child rights abuses and violations and as a result 80% of those children that are holidaying in the Ebola menace are presently been affected with teenage pregnancy whilst a greater % of them are in the family way.

Here is the original news paper article about teenager pregnancy. Click to enlarge
Here is the original news paper article about teenager pregnancy. Click to enlarge.

If you read further you will find that almost all girls of the village have been victims of sexual abuse by the inhabitants. This happened partly with the consent of their parents which are in need of help by the perpetrators (farmers, traders, colleagues,…) in order to work on the fields. According to the article, education of the girls is not highly appreciated by their parents who are trying to bring workers inside the family by offering their daughters.

I am honestly shocked by this article. I have been wondering for a long time how big the socioeconomic consequences of the Ebola outbreak would be since over the last months schools and universities are closed down. But it never came to my mind that a virus like Ebola would lead to a rapid increase in child abuse. All kids have to stay at home nowadays. They have no occupation. Parents and relatives have  to continue to make a living. So, often the kids are without protection. At least, over the last couple of weeks, there was a educational radio station created.

One thing is very obvious to me. The Ebola outbreak will have severe long term consequences for Liberia and Sierra Leone. I think no one can currently foresee how deeply the countries will be affected in the long-run. My organization has already released a report about the non-medical impacts of the Ebola outbreak which mainly focuses on economical topics like food supply. The large scale of the social impacts can in my opinion currently not be predicted, but should not be forgotten.

This article is a translation of Julia’s original article in German language.

Rene

Rene ist PhD Student und blogger. Er setzt sich fuer freies Wissen und freie Bildung ein. Dadurch ist er auf wikiversity, wikimedia commons und gelegentlich auf der Wikipedia aktiv. Er unterstuetzt Julia ihre Erfahrungen aus Sierra Leone zu verbreiten.

More Posts - Website - Twitter - Google Plus

Wie funktioniert die Quarantäne im Haushalt von Ebola betroffenen?

Durch den Blog und das planen der Artikel sowie dem Besprechen von Inhalten habe ich im Moment viele Fragen an Julia. Deswegen haben wir uns auf das Interview Format geeinigt. Wenn ihr auch Fragen an Julia habt schreibt einen Kommentar oder stellt sie als email an team@ebola-in-sierra-leone.de. Wir versuchen über alles was von Interesse ist zu berichten.

Rene Pickhardt: In einem Haus erkrankt jemand an Ebola. Jetzt wird das Haus unter Quarantäne gestellt. Wie muss ich mir das vorstellen?

Julia Broska: Erstaunlicherweise passiert in den meisten Fällen dann erst mal gar nichts. Theoretisch sollten Wachen aufgestellt werden, am besten in Uniform, damit sie auch ernst genommen werden. Die Nachbarschaft sollte informiert und involviert werden, damit der Quarantänehaushalt mit z.B. Wasser für den Haushaltsgebrauch zum Waschen und Putzen über Nachbarschaftshilfe beziehen kann. Außerdem sollten das World Food Programme und die Welthungerhilfe täglich die Liste neuer Quarantänehaushalte bekommen, damit wir innerhalb von 24h die ersten Nahrungsmittel liefern können. Leider passiert oft nichts davon.

Rene Pickhardt: Wie viele Menschen wohnen in so einem Haus? Eine Familie? Mehrere Familien? Wie groß sind die Familien?

Julia Broska:Das ist sehr unterschiedlich. Oft sind mehrere Familien betroffen, wenn sie zum Beispiel die selben Toiletteneinrichtungen nutzen. Oder mehrere Nachbarn haben beim Waschen eines Verstorbenen geholfen. Es ist Aufgabe des surveilliance teams der Regierung, festzustellen, welche Haushalte in einer Nachbarschaft in Quarantäne müssen, weil sie als „Kontakt-Haushalte“ eingestuft werden. Die Anzahl der Personen pro Familie schwankt starkt und kann bis zu 15 Personen sein, denn oft leben mehrere Generationen unter einem Dach.

Rene Pickhardt: Muss es nicht schrecklich sein, 21 Tage warten zu müssen, ob man sich auch infiziert hat? Kannst du in etwa die Emotionen beschreiben, denen du begegnest wenn du mit Leuten, die unter Quarantäne stehen in kontakt kommst?

Julia Broska:Mein Eindruck ist, dass viele Menschen zunächst mit Negation reagieren. Das reale Riskio wird verdrängt, nach dem Motto „Ebola? ICH doch nicht!“. Aber spätestens wenn es während der Quarantäne zu einem weiteren Fall kommt, wird es zur traumatischen Erfahrung. Das ist zumindest mein Eindruck von außen.

Rene Pickhardt: Versuchen Leute zu fliehen, wenn Häuser unter Quarantäne gestellt werden?

Julia Broska: Ja, das kommt tatsächlich sehr häufig vor und ist ein großes Problem. Diese Tatsache hat unter anderem dazu geführt, dass sich Ebola geografisch immer weiter ausbreiten konnte. Noch erstaunlicher ist aber, dass es auch zum Gegenteil kommt: Sobald von einem Quarantänehaushalt in der Nachbarschaft bekannt wird, dass er Essenspakete erhalten hat, kommen Menschen hinzu und wollen auch in Quarantäne, um etwas zu essen zu haben. Das zeigt, dass die Kernbotschaft einfach immer noch nicht durch gedrungen ist.

Rene Pickhardt: Wer kontrolliert das? Wer passt auf, dass sich jeder dran hält? Die Dorfgemeinschaft müsste doch eigentlich ein Interesse daran haben, dass alles gut geht.

Julia Broska: In Western Area Rural setzt die Welthungerhilfe ein Projekt um, in dem es genau darum geht: Die Dorfgemeinschaft einbinden, um den Einhalt der Quarantäne sicher zu stellen und den Menschen begreiflich zu machen, dass dies ihrer eigenen Sicherheit dient. Trotzdem müssen wir die Menschen mit Geld dazu bringen. Von alleine macht das keiner. Offiziell schickt auch die Regierung Polizisten, wie oben erwähnt. Aber faktisch fehlen sie meistens.

Rene Pickhardt: Was passiert mit den von der Welt Hungerhilfe gelieferten Nahrungsmitteln? Kommen die wirklich in den Quarantäne Haushalten an? Oder werden die Lebensmittelpakete zum Teil geklaut?

Julia Broska: Da haben wir über unsere durchführenden Partner-NGOs und der mehrfachen Kontrolle durch verschiedene Stellen im Verteilungs-Prozess zum Glück große Sicherheit. Die Welthungerhilfe verteilt Nahrung immer nur für 1 Woche, wir kommen also mind. 3x zum selben Haushalt während einer Quarantäne. Damit wollen wir verhindern, dass zu viele Lebensmittel Freunde und Verwandte – und ja, auch Diebe – anlocken.

Rene Pickhardt: Angenommen es gibt einen 2. Verdachtsfall in einem Quarantäne Haus. Wie wird damit umgegangen? Wird die Person in ein Krankenhaus gebracht? Es besteht nun ja ein sehr hohes Risiko für die Mitbewohner sich anzustecken.

Julia Broska: Es muss wieder die 117, der kostenlose Ebola-Notruf, gewählt werden. Die Person sollte dann eigentlich schnellstmöglich abgeholt werden. Aber leider kommt es immer wieder vor, dass Personen noch 2-3 Tage in ihren Familien verbleiben, weil einfach nicht genügend Kapazitäten vorhanden sind. Und hinzu kommt noch, dass manche Haushalte Kranke zu verstecken versuchen, um die Quarantäne nicht verlängern zu müssen.Vor allem wenn Kinder krank werden ist es offensichtlich, dass die restlichen Familienmitglieder in großer Gefahr schweben. Denn wer kann ein krankes Kind abweisen, wenn es nach Aufmerksamkeit und Pflege verlangt?!

Rene Pickhardt: Wie funktioniert die Resozialisierung nach der Quarantäne? Wird den Menschen mit Angst begegnet oder werden sie wieder vollstaendig in die Dorfgemeinschaft integriert?

Julia Broska: Das ist eine enorm wichtige Frage. Das Bild ist hier sehr unterschiedlich. Ein Haushalt hat mir berichtet, dass sie sofort wieder vollständig integriert wurden. Von einer anderen Frau weiß ich aber, dass sie praktisch als Ausgestoßene gilt. Sie war schon vor der Quarantäne sehr arm und hat den Lebensunterhalt für ihre Familie mit derm Verkauf von Steinen bestritten. Jetzt möchte aber niemand mehr ihre Steine kaufen, weil die Menschen glauben, sie seien infiziert. Auf dem Markt kann sie auch nichts mehr kaufen, denn niemand nimmt Geld von ihr an. Es besteht einfach immer noch ein riesiges Problem was Aufklärung angeht.

Rene Pickhardt: Kann man davon ausgehen, dass die Leute die mit Ebola Patienten in Kontakt waren und überlebt haben immun sind? Falls ja, können diese Menschen zum Beispiel beim Betruen von anderen Quarantäne Haushalten helfen?

Julia Broska: Ich weiß die Antwort im Moment nicht, habe ich mich aber schon die ganze Zeit gefragt. ich glaube, sie sind immun. Das finde ich aber bis zum nächsten Mal heraus.

Rene Pickhardt: Gibt es noch etws, was die Leser wissen sollten?

Julia Broska: Die Menschen in Sierra Leone sind jetzt mehr denn je auf ausländische Hilfe angewiesen. Ich finde es bedauerlich, wenn die Motivation, Geld zu spenden, nur darauf beruht, dass man verhindern möchte, dass die Epidemie auf Europa übergreift. Das Leben jedes Menschen, egal wo er wohnt, hat denselben Wert. Wenn also über Ebola gesprochen wird, bitte denkt zuerst an die Menschen, die davon aktuell betroffen sind.

Rene

Rene ist PhD Student und blogger. Er setzt sich fuer freies Wissen und freie Bildung ein. Dadurch ist er auf wikiversity, wikimedia commons und gelegentlich auf der Wikipedia aktiv. Er unterstuetzt Julia ihre Erfahrungen aus Sierra Leone zu verbreiten.

More Posts - Website - Twitter - Google Plus

Ebolafieber besiegt das Weihnachtsfieber von Sierra Leone

20% der Sierra Leoner sind Christen. Der erste und zweite Weihnachtstag sind Feiertage und traditionell reist das gesamte Land in Provinzen über Weihnachten um die Verwandtschaft zu besuchen. Die Menschen sammeln sich auf der Straße und an den Stränden, um gemeinsam zu feiern. Zumindest haben mir das meine Kollegen so erzählt. Denn dieses Jahr ist alles anders. Man könnte sagen: Weihnachten fällt aus.

Die Strände, an denen die Menschen sonst immer am zweiten Weihnachtstag zu fröhlichen Partys zusammenströmten, seien geschlossen. „Und wir haben wunderschöne Strände“, bedauert James-DeKam. Die Regierung hat öffentliche Feiern untersagt. Und sie hat angekündigt, Soldaten auf die Straßen zu schicken, damit das Verbot eingehalten wird.

Der öffentliche Fernverkehr operiert praktisch nicht mehr. Ohne Sondergenehmigung ist es unmöglich, weite Strecken zu verreisen, denn nach 17 Uhr werden keine privaten Autos mehr durch die zahlreichen Straßensperren gelassen. Überlandreisen werden so schwierig bis unmöglich. Zudem wurde die Bevölkerung dazu aufgerufen, keine Gäste ins Haus zu lassen. Die Regierung hat Angst, dass Menschenansammlungen, insbesondere nach Einbruch der Dunkeheit, zu einer noch erhöhten Ansteckungsgefahr führen könnten – und das will man natürlich um jeden Preis verhindern, zumal an Weihnachten. Die Auswirkungen einer solchen Ausganssperre kann hat Kamanda, Mitglied des internationalen Jugendbeirats von Plan aus Sierra Leone beschrieben:

Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es ist, den ganzen Tag zu Hause sitzen (oder liegen) zu bleiben, ohne nach draußen gehen zu dürfen, ohne in der Gemeinde zu laufen. Es war, als hätten wir drei Tage im Gefängnis gesessen. Aber es war eine richtige Entscheidung, um die Menschen vor Ebola besser zu schützen.

Ein Kollege hat mich am vergangenen Sonntag in den Gottesdienst mitgenommen. Ich bin nicht religiös, aber aus Interesse an der lokalen Kultur bin ich mit gekommen. Am Ende gab es die Ankündigung, dass der nächtliche Gottesdienst am Weihnachtsabend ausfällt und stattdessen am darauf folgenden Morgen stattfindet. Der nächtliche Gottesdienst wird aber im Radio übertragen, und der Priester hat dazu aufgerufen, einen gemeinsamen Gottesdienst zu zelebrieren, jeder von den eigenen vier Wänden aus. Man tut was man kann. Und hofft auf bessere Zeiten im nächsten Jahr.

Für uns im Büro war sowieso klar, dass Weihnachten diese Jahr ausfällt: Wir ertrinken in Arbeit. Und da Ebola offensichtlich auch nicht an Feiertagen Pause macht, müssen wir durcharbeiten. Auch an den Weihnachtstagen werden Haushalte unter Quarantäne gestellt, auch an den Weihnachtstagen müssen Essenspakete ausgeliefert werden.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Helfen wir an Ebola erkrankten Menschen oder den Gesunden?

Mit einem meiner Kollegen hatte ich kürzlich eine interessante Diskussion: Wer ist eigentlich die Zielgruppe unserer Intervention? Natürlich denkt man zuerst an die Kranken. Die Kranken müssen behandelt werden und wenn möglich geheilt. Man denkt an die Familien, die sich in Quarantäne befinden und täglich bangen, ob sich Anzeichen einer Ansteckung zeigen. In diese Scharte schlägt auch das Time Magazine, wenn es das „Medizinische Personal im Kampf gegen Ebola“ zu Persönlichkeiten des Jahres kürt. Im Nachsatz werden auch alle anderen Helfer genannt, aber das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass das medizinische Personal im Vordergrund steht. Zu Recht vielleicht – denn natürlich sind sie es, die einem echten, ernsten Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind.

Andererseits zählt Sierra Leone zum jetzigen Zeitpunkt etwas weniger als 7000 bestätigte Infektionen. Bei einer Gesamtbevölkerung von um die 5 Millionen. Eine Zielgruppe von 7000 Personen kann man als überschaubar bezeichnen. Aber leider ist faktisch das Gegenteil der Fall: Die 4.993.000 Sierra-Leoner, die sich bisher noch nicht infiziert haben, sind unsere Zielgruppe. Die Gesunden vor einer Ansteckung zu schützen, ist das Ziel. Und das ist nicht die Aufgabe von Ärzten und Krankenschwestern, hier sind ganz andere Dinge gefragt:

  • Aufmerksamkeit erzeugen,
  • Aufklärung,
  • Verhaltensweisen ändern,
  • Koordination und Logistik.

Prävention heißt das Stichwort, so wie es die Regierung vor Ort probiert zum Beispiel mit folgendem Werbeplakat probiert:

Stoppt Ebola Kampagne der Regierung aus Sierra Leone. von User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Aber natürlich ist es wesentlich weniger spannend für die breite Öffentlichkeit, mit einem Handzettel von Haus zu Haus zu tingeln als im Astronauten-Anzug kranke und leidende Menschen zu versorgen. Geldgeber investieren auch lieber in HIV-Medikamente als Kondome zu verteilen. Der Homepage der Gatesfoundation entnehmen wir:

Unsere größte Investition gilt der Erforschung und Entwicklung eines HIV-Impfstoffs.

Ohne genaue Zahlen zu kennen, ist mein Eindruck vor Ort bisher folgender: Sowohl Geldgeber als auch UN und NGOs haben sich mehrheitlich auf den medizinischen Sektor gestürzt. Es werden Behandlungszentren aus dem Boden gestampft, in Impfstoff- und Medikamenten-Forschung investiert, Ärzte aus dem Ausland rekrutiert. Das deckt sich auch mit der UN-Mission für Ebola-Notfallmaßnahmen (UNMEER) (UN Resolution 2177 des UN Sicherheitsrates)

Die Hauptaufgabe ist vor allem die logistische Verteilung von Krankenstationen, Fahrzeugen und Telekommunikationsausrüstung in den am stärksten betroffenen Ländern.

Diese Aktivitäten fressen meiner Meinung nach Millionen. Und ändern nichts daran, dass die Überlebenschancen der 7000 Infizierten gering sind und weitestgehend dem Zufall unterliegen, bzw. stark vom allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten abhängen. Ganz abgesehen davon, dass praktisch all diese Aktivitäten dermaßen langsam ablaufen, dass es für einen echten Impact in der aktuellen Krise eigentlich zeitlich sowieso nicht mehr reichen kann.

Was viel, viel zu wenig passiert ist social mobilization, flächendeckend und gut organisiert. Die Menschen müssen aufwachen. Soziale Kontrolle ist nötig. Bestimmte Verhaltensweisen müssen aufhören. Jeder einzelne Sierra Leoner, der einen Nachbarn oder Freund überredet NICHT zu einer Beerdigung zu gehen, ist ein Held. Jede, die einen Besucher nicht in ihr Haus lässt, ist eine Heldin. Jeder, der auch zu einem engen Freund Körperkontakt vermeidet, ist ein Held.

So vieles erinnert an die HIV-Epidemie in z.B. Südafrika. Dort habe ich Menschen sagen hören: „Unsere Traditionen sind älter als HIV. Wir werden unser Verhalten nicht ändern.“ Aber leider können neue Infektionskrankheiten die „Träger“ von Traditionen ausrotten. Der umgekehrte Fall dürfte weitaus seltener sein.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Da liegt ein Ebola-Kranker – und jetzt?

Eine Woche nach meiner Ankunft in Freetown hatte ich die Antwort: Abwarten.

Mit meinen Kollegen Kellie und Shek war ich am Wochenende unterwegs um Quarantäne-Haushalte zu besuchen. Wir waren ca. 30 min unterwegs und hatten gerade den Ort Lakka erreicht, eine Dorfgemeinschaft etwas außerhalb von Freetown. An einer unserer selbst organisierten Straßensperren hat man uns dann auf einen Mann aufmerksam gemacht, der einige Meter entfernt am Straßenrand lag. Der Mann war seit mehreren Tagen zu Fuß unterwegs gewesen. Wo er hinwollte – ich weiß es nicht. Jedenfalls war er infiziert. Er war so geschwächt, dass er nicht mehr alleine aufstehen konnte. Er lag im Häuserschatten, auf der Erde. Er hatte kein Wasser. Er hatte kein Essen. Es gab keinen Arzt. Niemand sprach mit ihm.

Ein Ebolainfizierter aus Lakka liegt am Strassenrand und darf nicht angefasst werden.  By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Dieser Mann braucht Hilfe – aber wie?!.
By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Es ist nicht möglich, sich einem Ebola-Kraken gefahrlos zu nähern. Es gibt keine Möglichkeit, ihm Wasser zu bringen. Es gibt keine Möglichkeit, ihn ins Auto zu packen und zum nächsten Krankenhaus zu fahren. Das einzige was man noch tun kann, ist die kostenlose Ebola Notruf Nummer 117 anzurufen. Die Freiwilligen, die die Straßensperre betreuen, hatten schon angerufen. Keine Reaktion. Kellie greift also sofort zum Handy und wählt.

  1. „Von wo rufen Sie an?“ – eine verständliche Frage.
  2. „Wie ist Ihr Name?“ – Ist das jetzt wichtig?
  3. „Wie ist Ihre Adresse?“,
  4. „Woher wissen Sie von dem Kranken?“ – WTF?!?!

Später höre ich, dass der Mann die ganze Nacht auf der Straße lag und erst am folgenden Tag von der Ebola-Ambulanz abgeholt wurde. Ob er überlebt hat, weiß ich nicht. Ich bezweifle es. Je später die Menschen in medizinische Betreuung kommen, desto schlechter sind die Überlebenschancen.
In Western Area Rural, das ist die Halbinsel, auf der sich Freetown und einige weiter Orte befinden, gibt es 16 Ebola-Ambulanzen. In Freetown allein leben fast 1.000.000 Menschen. Pro Tag gibt es 10-40 bestätigte Neuinfektionen. Selbst wenn man pro Ambulanz nur von 4 transportierten Menschen am Tag ausgeht, stellt sich doch irgendwie die Frage, warum manche Kranke 2-3 Tage warten müssen, bis sie abgeholt werden. Und warum gibt es mit all den Geldern, die bisher flossen, nicht ein paar mehr Ambulanz-Wagen?

Der Deutsche Geograph Jürgen Schönstein bringt es in seinem lesenswerten Blogartikel wie folgt auf den Punkt:

Denn was nützt es den Dorfbewohnern in Guinea oder Sierra Leone, wenn Patientinnen und Patienten in Großstadtkliniken behandelbar sind? Die Existenz von Kliniken allein genügt nicht – man muss auch aufgenommen werden.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Quarantäne nach Ebola-Fall: 21 Tage Gefängnis im Eigenheim

Haushalte, die einen bestätigten Ebola-Fall zu verzeichnen haben, dürfen 21 Tage lang nicht ihr Haus verlassen. So lange ist die Inkubationszeit von Ebola. Erst, wenn nach 21 Tagen keine weiteren Haushaltsmitglieder krank geworden sind, können alle aufatmen.

Ich möchte, dass Du Dir das vorstellst. 21 Tage lang im Haus. Tag und Nacht. Mit der ganzen Familie, meist auf engem Raum. Das Haus wird mit einem roten Band markiert, diese Linie darf niemand übertreten, weder von der einen, noch von der anderen Seite.

Frau die 21 Tage in Haushaltsquarantaene leben muss, nachdem sich ein Mitbewohner mit Ebola infiziert hat. By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
Frau die 21 Tage in Haushaltsquarantaene leben muss, nachdem sich ein Mitbewohner mit Ebola infiziert hat.
By User:JuliaBroska [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
  • Was isst Du?
  • Was trinkst Du?
  • Wie kaufst Du Kaffee, Zigaretten, Telefonkarten?
  • Wo holst Du Wasser zum Wäsche waschen?
  • Wo bekommst Du Holzkohle zum Kochen?
  • Und vor allem – Wie kannst Du Deinen Lebensunterhalt verdienen?

Am Anfang der Ebola-Epidemie war es die Regierungsstrategie, ganze Dörfer unter Quarantäne zu stellen.

Auch die Regierungen sind aktiv geworden. Mit Hilfe des Militärs und der Polizei werden Sicherheitsbestimmungen durchgesetzt. Die Zentren der Epidemie, auch ganze Städte, in Sierra Leone zum Beispiel Kenema und Kailahun, wurden abgeriegelt. Verlassen und Betreten der unter Quarantäne gestellten Orte ist nicht möglich. Angehörige, die Kontakt mit Infizierten hatten, werden unter Hausarrest gestellt.

Die Dörfer wurden nach außen hin komplett abgeriegelt, die Dorfbewohner konnten sich aber innerhalb des Dorfes frei bewegen. Das Ergebnis: Eine extrem hohe Infektionsrate innerhalb ganzer Dorfgemeinschaften. Ein einziger Ebolafall konnte den Tod von zweistelligen Prozentzahlen der Dorfbevölkerung nach sich ziehen. Siehe ZDF Video:

Kinder
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2282232/Ebola:-Ein-ganzes-Dorf-in-Quarant%C3%A4ne
. (Bild via zdf.de)

Die Welthungerhilfe hat von Anfang an dagegen gehalten und für Haushalts-Quarantäne geworben. Der Vorteil: Die kleine Gruppe von tatsächlichen Kontaktpersonen kann nicht das ganze Dorf anstecken. Der Nachteil: Es ist sehr viel aufwändiger, einzelne Haushalte zu identifizieren und abzuriegeln, als einfach die Zufahrt zu einem ganzen Dorf zu versperren. Trotzdem, anders geht es nicht.

Wir bringen den Familien in Quarantäne jede Woche ein Paket mit Essen, Trinkwasser und Hygieneprodukten. Was sonst benötigt wird, müssen Nachbarn beschaffen, die wesentlich Anteil haben am erfolgreichen gelingen der Quarantäne. Geld und Waren werden auf die rote Linie gelegt, die Menschen treten 3 m von der Linie zurück, dann übernimmt der jeweils andere Part. Manchmal frage ich mich, wie das eigentlich in Deutschland wäre. Amazon würde wahrscheinlich das Geschäft des Jahrtausends machen…

Aber Menschen brauchen mehr zu Leben als nur Nahrung und Wasser. Menschen sind soziale Wesen. Menschen brauchen Aufgaben, Beschäftigung. Menschen brauchen Trost nach dem Verlust naher Angehöriger. Eine Perspektive. Hoffnung.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter