Ist die Ebola Epidemie in Sierra Leone zu Ende?

Leider noch nicht. Lange habe ich nicht gebloggt, denn die Ebola-Epidemie in Sierra Leone ist seit langem mehr oder weniger auf demselben Level: Eine stetig rückläufige Zahl an Neuinfektionen. Aber trotz aller Interventionen ist es auch nach 1 Jahr und nun fast 4 Monaten nicht geglückt, Ebola gänzlich zu besiegen.

Am 24. August wurde die letzte Ebola-Patientin, Adama Sankoh, als geheilt entlassen. Dies sorgte für allgemeine Begeisterung und Medienpräsenz.

Der Countdown konnte beginnen, und die gesamte Nation begann, die 42 Tage runterzuzählen, bis Sierra Leone endlich Ebola-frei erklärt werden kann. Leider war das Glück von kurzer Dauer: Nicht mal eine Woche später, am 29. August, gab es bereits den nächsten neuen Fall, im Distrikt Kambia, im Norden des Landes an der Grenze zu Guinea. Dieser Fall hat mittlerweile mind. 1 weitere Ansteckungen nach sich gezogen (am 5. September), so dass sich zum heutigen Tag 20 Personen in sogenannten „Holding Centren“ als Hochrisiko-Kontakte befinden und sage und schreibe 973 Kontaktpersonen unter Beobachtung stehen.

Liberia hingegen wurde am 3. September zum zweiten Mal Ebola-frei erklärt, nachdem der letzte Patient am 22. Juli negativ getestet wurde. Liberia befindet sich nun in einer 90-tägigen Phase „erhöhter Wachsamkeit“.

Entsprechend ist es auch in meinem Arbeitsumfeld ruhiger geworden. Wir konzentrieren uns darauf, die vergangenen Monate „aufzuräumen“, Aktivitäten in der direkten Ebola-Antwort runter zu fahren und den Blick auf die nun ganz offensichtlich im Raum stehende Frage zu richten: Wie kann man verhindern, dass sich eine solche Epidemie wieder holt? Zum einen speziell in Sierra Leone: Wie kann man das Gesundheitssystem derart stärken, die Bevölkerung informieren und die Hygienesituation landesweit verbessern, dass die Menschen weder Ebola, noch Lassa-Fieber oder Cholera praktisch schutzlos ausgeliefert sind? Zum anderen auch allgemeiner: Was sind die lessons learnt, wie kann man einen dermaßen langanhaltenden und großflächigen Ausbruch von Ebola irgendwo auf der Welt in Zukunft verhindern? Welche Strukturen sind nötig, um Ebola im Keim zu ersticken? Diese Antworten müssen jetzt all jene finden, die in den letzten Monaten am Kampf gegen die Epidemie beteiligt waren, unter anderem auch die Welthungerhilfe. Unser Engagement in Sierra Leone geht natürlich weiter, auch wenn endlich der ersehnte „Freispruch“ der WHO kommt.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Neue Ebola-Fälle in Liberia

Sierra Leone ist leider nicht das einzige Land, in dem die Ebola-Fälle wieder zunehmen: Liberia hat am 29. Juni einen neuen Fall von Ebola bestätigt, der erste seit dem 20. März! Medienberichten zufolge handelt es sich um einen 17-jährigen Jungen, der am Vortag gestorben war und erst beim Routinetest nach seinem Tod positiv auf Ebola getestet wurde. Dies kam völlig unerwartet, entsprechend hoch ist die Liste der Kontaktpersonen. Die Zahl der bestätigten Fälle ist mittlerweile auf 7 angestiegen. Mehr als 100 Personen sind in Quarantäne.

Immer noch rätselhaft ist, wie sich Ebola für mehr als drei Monate „verstecken“ konnte. Die Ansteckungskette bleibt mysteriös. Laut WHO könnte es sich um sexuelle Übertragung handeln. Da es sich erst nach dem Tod des Jungen herausgestellt hat, dass er an Ebola gestorben ist, ist es nun schwierig, die Ansteckungskette zu rekonstruieren. Um der Sache auf den Grund zu gehen hat die WHO eine genetische Sequenzierung des Virus, der den Jugendlichen getötet hat, vorgenommen. Es hat sich herausgestellt, dass es sich um eine Linie des Virus handelt, die Ende vergangenen Jahres in Liberia auftrat. Es handelt sich also sehr wahrscheinlich nicht um eine Ansteckung über einen Reisenden aus Sierra Leone oder Guinea. Die einzigen plausiblen Möglichkeiten scheinen eine Ansteckung über asymptomatische Ebola-Überträger oder über einen „Survivor“ zu sein.

Wenn ich das alles so bedenke, fühle ich mich veranlasst ein „Tabu“ in West Afrika anzusprechen: Es ist meines Wissens nicht ganz geklärt, ob weibliche Ebola-Überlebende den Virus übertragen können, somit war man davon ausgegangen, dass Männer mehr oder weniger auf der „sicheren Seite“ sind. Aber was ist mit homosexuellen Männern? Sie sind wahrscheinlich dem größten Risiko ausgesetzt, wie z.B. auch bei HIV (bedingt u.a. durch höheres Verletzungsrisiko). Ich habe dazu bisher keine öffentliche Diskussion gehört. Die wenigen Kollegen die ich gut genug kenne um sie nach ihrer Einstellung zu Homosexualität zu fragen, sahen gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung mehr als eine behandelbare Krankheit an und definitiv als „falsch“. Homosexuelle Männer als Ebola-Risiko-Gruppe anzusprechen ist also schwierig – aber auch dringend benötigt aus meiner Sicht. Reuters berichtete folgendes:

„Im Mai hat der Erzbischof Lewis Zeigler der Katholischen Kirche Liberia gesagt: „Eines der größten Vergehen an Gott, für das Er uns in Liberia bestrafen könnte, ist Homosexualität“.

Vielleicht ist es besser, manche Ansteckungsketten im Dunkeln zu lassen – zum Schutz der Opfer.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

New Ebola cases popping up in Liberia

Unfortunately, Sierra Leone is not the only place where Ebola is picking up again: Liberia detected a new Ebola case on June 29, the first since March 20! According to media sources, a 17-year-old boy had died the day before and a routine test revealed that he had died of Ebola. This came pretty much unexpected and accordingly the number of contact persons is high. The number of new cases had risen to 7 in total. More than 100 people are quarantined.

What is still unknown though is how Ebola could “hide” for more than 3 months. The chain of transmission is still a mystery. According to WHO, it could have been sexual transmission. Because Ebola was detected only after the teenager has passed away, it’s difficult to reconstruct the line of transmission. To find out more, WHO conducted genetic sequencing of the virus that killed the teenager. It turned out to be similar to a strain of Ebola that was detected in Liberia end of last year and this makes a cross-border transmission from Sierra Leone or Guinea very unlikely. The only possibilities seem to be a chain of asymptomatic cases or transmission through a survivor.

Considering all this I want to bring up a “taboo” here in this area of Western Africa: It is unclear yet if female survivors can transmit the virus, and so it was thought that men are more or less “on the safe side”. But what about homosexual men? They are probably at the highest risk, just like with HIV. I never heard this being discussed in public. The few local colleagues I know well enough to ask them about their position on homosexuality looked at it more as a sickness and definitely as being “wrong”. So addressing homosexual men as a high risk group for Ebola is a difficult task – but urgently needed from my point of view. Reuters reported:

“In May, Archbishop Lewis Zeigler of the Catholic Church of Liberia said that „one of the major transgressions against God for which He may be punishing Liberia is the act of homosexuality.”

Maybe it’s better to leave some chains of transmission in the dark – for the sake of the victim.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

New surge in Ebola cases in Freetown

It was quiet now for some time, both in my blog as well as in Sierra Leone. The new infections went down and further down, we had days in a row without any new cases and it seemed to be only a small step towards an Ebola-free Sierra Leone.

But recently the pictures changed again. Below are the contacts followed as of 6th July, published by WHO. “No of contacts” means people who had been in direct contact with a confirmed positive Ebola case and who are quarantined as a consequence of that. WARD 374 refers to the area also known as “Magazin Wharf”, a slum area in coastal Freetown. While on Friday there was a total of 14 cases linked to Magazin Wharf, the weekend brought about another 5! One of them even with an unknown epi-link (at least that was the status yesterday).

map who

Most of those new cases are connected to one asymptomatic case of a pregnant woman who delivered in hospital without knowing that she is Ebola positive. The immune system of pregnant women is basically running on very low intensity during pregnancy to prevent that the body is “rejecting” the child. This – as turned out now – can “hide” Ebola. Fever and vomiting are reactions of the immune system that is trying to fight the virus. If this is not happening, there is no fever. Ebola was detected only after the delivery. Subsequently, more than 400 people entered quarantine in Magazine Wharf.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Erneuter Anstieg von Ebola-Infektionen in Freetown

Es war nun einige Zeit ruhig, sowohl in meinem Blog, als auch in Sierra Leone. Die wöchentlichen Neuinfektionen sind immer mehr zurückgegangen und es gab sogar mehrere Tage hintereinander ohne eine einzige Neuinfektion landesweit. Es schien nur noch ein kleiner Schritt zu einem Ebola-freien Sierra Leone.

Aber leider hat sich das Blatt kürzlich wieder gewendet. Die Grafik unten zeigt die Zahl der „Kontaktpersonen“, die am 6. Juli unter Beobachtung standen und wurde von der WHO veröffentlicht. Die Zahl bezeichnet diejenigen Personen, die direkten Kontakt zu einem bestätigten, positiven Ebola-Fall hatten und die folglich unter Quarantäne stehen. WARD 374 ist ein Stadtteil von Freetown, der auch als „Magazine Wharf“ bezeichnet wird, ein Slum direkt an der Küste. Während es bis Freitag 14 Ebola-Fälle aus Magazin Wharf gab, hat das Wochenende nun 5 weitere hervorgebracht. Einer von diesen hatte bis gestern sogar keine bekannte Verbindung zu den anderen Fällen, was noch besorgniserregender ist.

map who

Die Mehrheit der neuen Fälle geht auf einen asymptomatischen Fall einer schwangeren Frau zurück, die ihr Kind im Krankenhaus zur Welt gebracht hat ohne zu wissen, dass sie sich mit Ebola infiziert hatte. Das Immunsystem Schwangerer läuft auf „Sparflamme“ während der Schwangerschaft um zu verhindern, dass der Körper das ungeborene Kind „abstößt“. Dies kann – wie sich jetzt herausgestellt hat – Ebola verschleiern. Fieber und Übergeben sind Abwehrreaktionen des Körpers im Kampf gegen das Virus. Wenn dieser Kampf ausbleibt, gibt es erst mal auch kein Fieber. Ebola wurde erst nach der Geburt bei der Mutter festgestellt. Infolgedessen wurden nun mittlerweile mehr als 400 Kontaktpersonen unter Quarantäne gestellt.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Ebola and poverty – a lethal combination

Why West Africa? There were quite a few Ebola outbreaks in the past, for instance in Uganda, but never before such a huge epidemic developed. It seems to be a fact that the extreme poverty in large areas of West Africa was a decisive factor in the spread of the EVD. But how exactly is poverty contributing to an epidemic?

To shed light on this question a bit, I want to start by distinguishing two different kinds of poverty: On the one hand the poverty of the people, on the other hand the poverty of the state. There are several reasons why Sierra Leone is not a rich country, most prominently corruption. The diamond mines, fishing grounds and beautiful white beaches, perfect for paradise-longing European tourists, should bring money into the state’s cashboxes. But like in many African states with rich resources, sadly, the opposite is the case. Criminality and corruption in the trade with exactly those resources keep countries like Sierra Leone trapped in poverty. The result is an almost non-existent social system, hospitals without any medicine or medical equipment, schools without books, streets without tar. It is these three factors that contribute considerably to the spread of Ebola: health, education and transport.

It is clear that few and poorly equipped hospitals contribute to an Ebola epidemic. The strict isolation measures which are necessary are too much to take for the health stations. To carry all this know-how and equipment into the country from abroad, via foreign aid organisations and governments, takes time. But during this time Ebola is already spreading. The low level of education of a big proportion of the Sierra Leonean people is also contributing to the spread of the disease. Many people are illiterate and cannot read all the information sign boards and news articles, unless they display also pictures. Many people have difficulties understanding the concept of a “virus” as such. And I have to admit it is not easy to grasp that a tiny particle, not visible for the human eye, causes such a terrible sickness. On top of this Sierra Leone has a really poor road network. Sick people have to be carried quickly to the next hospital, but that is far from possible. Many villages can only be reached by jeeps, some even only by boat. Transport is adventurous.

These unlucky preconditions are met by the poverty of the people. A study of the Njala University (http://www.ebola-anthropology.net/case_studies/village-responses-to-ebola-virus-disease-in-rural-central-sierra-leone/) showed that many people avoid seeing a doctor due to economic constrains. In case a family member falls sick, the first strategy is to just wait. Maybe spending money on transport to the next health facility can be avoided? Also the expenses for the treatment. In case it is NOT Ebola, the treatment is not for free in Sierra Leone. Most families wait apparently for 2-3 days before coming to a decision if seeing the doctor is necessary. In case it’s unavoidable money has to be borrowed from friends and extended family. Again a few days pass. Until the patient is ready to go, the phase of highest infectiousness is reached already. During the transport it’s hard to avoid now to infect others, the driver or other passengers. And that’s how the epidemic is spreading.

The outbreak of Ebola might happen more or less by chance. But the spread depends very much from the specific location. And Sierra Leone was clearly the wrong place.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Ebola und Armut – eine tödliche Kombination

Warum Westafrika? Ebola-Ausbrüche hat es schon häufig gegeben, z.B. in Uganda, aber nie kam es zu einer derartigen Epidemie. Klar scheint aber zu sein, dass die extreme Armut in weiten Teilen Westafrikas ein Faktor war, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass sich Ebola so stark ausbreiten konnte. Wie trägt Armut zur Ausbreitung einer Krankheit bei?

Dazu möchte ich zuerst zwei „Sorten“ von Armut unterscheiden: Zum einen die Armut der Bevölkerung, und zum anderen die Armut des Staates. Es gibt zahlreiche Gründe, warum Sierra Leone als Staat betrachtet kein reiches Land ist, allen voran wohl Korruption. Die Diamantenvorkommen, die Fischgründe und die traumhaften Sandstrände, bestens geeignet für paradieshungrige, europäische Touristen, sollten eigentlich einen wohlhabenden Staat vermuten lassen. Aber wie in vielen afrikanischen Staaten mit reichhaltigen Ressourcen ist leider das Gegenteil der Fall. Kriminalität und Korruption im Handel mit eben diesen Ressourcen halten Länder in ihrer Armut gefangen. So auch in Sierra Leone. Das Ergebnis ist ein kaum existentes Sozialsystem, Krankenhäuser ohne Medikamente oder medizinischer Ausstattung, Schulen ohne Bücher, Straßen ohne Teer. Genau diese drei Faktoren, Gesundheit, Bildung und Transport, tragen maßgeblich zum Ebola-Problem bei.

Es ist offensichtlich, dass wenige und schlecht ausgestattete Krankenhäuser zu einer Ebola-Epidemie beitragen. Die strengen Isolationsmaßnahmen, die nötig sind überfordern die Krankenstationen schlicht. Das alles dann von außen ins Land zu bringen, über ausländische Hilfsorganisationen und Regierungen, braucht Zeit. Genau in dieser Zeit findet aber bereits eine weitere Verbreitung des Virus statt. Auch die mangelhafte Bildung weiter Teile der sierra-leonischen Bevölkerung hat Anteil an der Ausbreitung der Krankheit. Viele Menschen können nicht lesen und können also mit den vielen Informationsplakaten und Zeitungsartikeln nichts anfangen, es sei denn, sie sind sehr gut bebildert. Viele Menschen haben auch schlicht Schwierigkeiten damit, das gesamte Konzept eines „Virus“ als solches zu begreifen. Und es ist ja auch zugegeben nicht ganz trivial, dass ein für das menschliche Auge nicht sichtbarer winziger Partikel einen Menschen dermaßen grausam erkranken lassen kann. Dazu kommt das schlecht ausgebaute Straßennetz. Kranke müssen zügig transportiert werden, aber genau das ist ja kaum möglich. Viele Orte sind praktisch nur per Jeep zu erreichen, manche sogar nur per Boot. Da ist Transport ein Abenteuer.

Zu diesen ungünstigen Voraussetzungen gesellt sich dann die Armut der Bevölkerung. Eine Studie der Njala Universität (http://www.ebola-anthropology.net/case_studies/village-responses-to-ebola-virus-disease-in-rural-central-sierra-leone/) hat gezeigt, dass viele Menschen aus ökonomischen Zwängen heraus einen zu frühzeitigen Arztbesuch vermeiden. Erkrankt ein Familienmitglied, wird erst mal gewartet. Vielleicht kann man sich ja das Geld für den Transport zur nächsten Gesundheitsstation sparen? Auch die Kosten für den Arzt, denn wenn es KEIN Ebola ist, ist die Behandlung ja nicht kostenlos. Die meisten Familien warten also 2-3 Tage, bevor sie überhaupt die Entscheidung treffen, ob ein Arzt notwendig ist oder nicht. Ist eine solche Notwendigkeit dann festgestellt, muss oft erst Geld von Freunden und Verwandten zusammen geliehen werden. Wieder vergehen ein paar Tage. Bis der Patient dann schließlich zum Arzt aufbrechen kann, ist oft schon die Phase höchster Ansteckungsgefahr erreicht. Während des Transportes wird es dann fast unweigerlich zu weiteren Ansteckungen kommen. Und so nimmt die Epidemie ihren Lauf.

Der Ausbruch von Ebola mag weitestgehend zufällig geschehen. Die Ausbreitung hingegen ist stark vom jeweiligen Standort abhängig – und Sierra Leone war in dieser Hinsicht klar auf der Seite der Verlierer.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Regional cooperation in the fight against Ebola?

From my point of view, close regional cooperation in the fight against Ebola sounds like the most natural thing to do. Guinea, Sierra Leone and Liberia are neighbouring countries and their cultures are closely related. Nevertheless the fight against Ebola was done mostly alone, each country on its own.

Lately in the discussions in Sierra Leone it was popping up again and again that the borders to Guinea should get closed down. People were claiming the strong involvement of military and police. I’m wondering if such measures can contribute at all to the desired results. Indeed, Ebola started from Guinea and was carried over the border at the very beginning of the epidemic. But in the following months the virus was spread by Sierra Leoneans within their own borders. Nevertheless, each case in the border province Kambia leads to the immediate suspicion a border crossing traveler had caused it:

150326 EbolaAusGuniea

What difference makes it anyway? All countries are facing the same situation. With many new cases in the border region of Guinea and Sierra Leone, wouldn’t it make much more sense to start a border-crossing programme to curb the spread of the disease? Social mobilization, awareness raising, more media attention? The number of cases is proof that there is not enough action taken in this regard. Instead it’s preferred to put the blame on the respective neighboring country. Not surprisingly, both countries, Sierra Leone and Guinea, take it in turns to close their borders.

End of March Guinea closed the border to Sierra Leone:

http://www.nytimes.com/2015/03/31/world/africa/guinea-border-closed-over-ebola-fears.html?_r=0

This did not concern Sierra Leoneans, who were demanding as well that the borders should be closed down. Here a fragment from WhatsApp, 17th May:

WhatsApp Guinea

I can only hope for a stronger sense of regional cooperation in the recovery phase. Welthungerhilfe got active in this regard already: two weeks ago there was a workshop held for members of DERC (District Ebola Response Centre), where two participates from Guinea were invited. Furthermore, Welthungerhilfe started a cross-border programme that is targeting Ebola-affected areas threatened by food insecurity in Sierra Leone and Guinea. Nevertheless – much more should be done to promote regional cooperation. Especially European organisations could share their experience in regional cooperation and encourage governmental bodies to kick-start cross-border knowledge exchange.

 

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Regionale Kooperation im Kampf gegen Ebola?

Aus meiner Sicht wäre ein regionaler Schulterschluss im Kampf gegen Ebola eigentlich naheliegend. Die Länder Guinea, Sierra Leone und Liberia sind Nachbarländer und zum Teil kulturell sehr ähnlich. Trotzdem hat jedes Land den Kampf gegen Ebola weitestgehend allein geführt und auch sehr unterschiedliche Strategien angewandt.

Was vor allem in letzter Zeit immer wieder aufkam in Sierra Leone war die Diskussion, ob die Grenzen zu Guinea geschlossen werden sollten. Rufe werden laut nach Militärpräsenz und Grenzschutz. Dabei frage ich mich, ob eine solche Maßnahmen tatsächlich den gewünschten Erfolg bringen. Zwar wurde Ebola tatsächlich von Guinea nach Sierra Leone gebracht, die Verbreitung innerhalb des Landes fand aber mit großer Mehrheit durch Sierra Leoner selbst statt. Nichtsdestotrotz wird bei jedem neuen Ebola-Fall in der Grenzprovinz Kambia zuerst vermutet, der Fall sei aus Guniea „eingeschleppt“:

150326 EbolaAusGuniea

Welchen Unterschied macht das eigentlich? Sitzen nicht alle Länder im selben Boot? Außerdem – wäre es nicht viel sinnvoller, bei vielen neuen Ebola-Fällen in den Grenzregionen sowohl Sierra Leones als auch Guineas ein gemeinsames Programm zu starten, um die Ansteckungen einzudämmen? Social Mobilization, Aufklärungsprogramme, mehr mediale Aufmerksamkeit? Denn die Fälle belegen ja offenbar, dass zu wenig getan wird in diesen geographischen Gebieten. Stattdessen beschränkt man sich darauf, die Schuld dem jeweils anderen Land zuzuweisen. Vorstöße, die Grenzen zu schließen kommen nämlich – wie nicht anders zu erwarten – von beiden Ländern wechselseitig.

Ende März hat Guinea die Grenze zu Sierra Leone geschlossen:

http://www.nytimes.com/2015/03/31/world/africa/guinea-border-closed-over-ebola-fears.html?_r=0

Dies hat Sierra Leoner aber nicht davon abgehalten, ihrerseits einen Grenzschluss Sierra Leones einzufordern, hier ein Auszug aus WhatsApp vom 17. Mai:

WhatsApp Guinea

Es ist zu hoffen, dass zumindest in der Post-Ebola-Zeit ein stärkeres Regionalbewusstsein entsteht und vielleicht sogar Best-Practices ausgetauscht werden können. Die Welthungerhilfe ist in dieser Hinsicht bereits aktiv geworden: Vor zwei Wochen gab es einen Workshop für Mitglieder der District Ebola Response Center (DERC), bei dem auch zwei Teilnehmer aus Guinea eingeladen werden. Zudem hat die Welthungerhilfe ein grenzübergreifendes Programm aufgelegt, das Nahrungsunsicherheit in stark von Ebola betroffenen Gebieten in Sierra Leone und Liberia bekämpfen soll. Trotzdem – es sollte noch mehr getan werden für die regionale Zusammenarbeit. Alle Organisationen könnten eine Stärkung in dieser Hinsicht anstoßen, gerade wir Europäer könnten uns auf unsere eigenen starken Regionalstrukturen besinnen und unsere Erfahrungen teilen.

Julia Broska

Julia arbeitet für die Welthungerhilfe im Projektmanagement in Sierra Leone. Sie beschreibt in diesem Blog ihre persönlichen Eindrücke. Ihre Meinung muss sich nicht mit der der Welthungerhilfe decken. Bevor Julia nach Sierra Leone kam war sie in Nord Korea im Einsatz. Sie schreibt auch Artikel für den offiziellen Blog der Welthungerhilfe

More Posts - Website - Twitter

Prevention is the key

Its a challenge to find the right tone for criticism. Ebola has lead to an exceptional situation. No one, no NGO, no government was prepared for the strong outbreak. All do what they can. Everyone here is overwrought. Sometimes I am still annoyed when I see where money goes.

I mentioned it already: Money that flows into treating of Ebola patients, saves one life. Money that flows into the prevention of Ebola, saves many lives. Still more money goes into the treatment, as this current UN-graph shows:

Financial Requests for Ebola Response to UNMEER
Quelle: Financial Requests for Ebola Response to UNMEER

An example that made me indignant comes from USAID. In a „Innovation-Competition for new approaches and ideas in the Ebola response a project has won which has developed a new type of protective suit for medical personnel! With all sympathy and admiration for all doctors and nurses who take part in the fight against Ebola within a life-threatening situation: A new protective suit will never end the outbreak! That is a bit of faith- wearing a life jacket could prevent a ship from sinking.

I think this is airy and generally a fail. The aim must be to suppress contagion to 100%. My friend and co-editor of this blog Rene asked me what it would cost to impose quarantine in Sierra Leone for three weeks. Schools and universities are closed anyway. Many people have lost their jobs. Why not declare a general curfew for three weeks. Nobody leaves their living space except medical personnel and police officers. In a country where the majority of the population makes less than 1.25 US dollars a day, a 21-day curfew with full supply should not cost that much actually. Approximately 6 million people live in Sierra Leone, so we are talking about an amount of less than 200 million US dollars. To date 1.9 trillion US dollars were spent.
I think the logistical coordination might be complicated, some measures may be impractical. It is hardly possible to control a whole country from one day to the next. I previously worked in North Korea. So I know a bit about surveillance. And there will be still the issues that the Welthungerhilfe encounters already: drinking and household water, waste disposal, common toilets for entire streets etc. pp.

Of course, I have no solution. But there is one thing I am sure of: Prevention is the key in the fight against Ebola.

This article is a translation of Julia’s original article in German language.

Philippe

Philippe translates Julias articles to English language so that more people can have access to her reports and information.

More Posts